Differentialdiagnostische Relevanz des Arbeitsgedächtnisses für Kinder mit umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (Verbundvorhaben)


Verbundpartner:

Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)

Arbeitseinheit Bildung und Entwicklung

Schloßstr. 29

60486 Frankfurt am Main

Verbundkoordinator: Prof. Dr. Marcus Hasselhorn

Förderkennzeichen: 01 GJ 1012 A

Förderbetrag: 148.834 EUR

Laufzeit: 01.01.2011 – 31.12.2013


Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Institut für Psychologie

Pädagogische Psychologie

Senckenberganlage 15

60325 Frankfurt

Projektleiter: Prof. Dr. Gerhard Büttner

Förderkennzeichen: 01 GJ 1012 B

Förderbetrag: 156.990 EUR

Laufzeit: 01.01.2011 – 31.12.2013


Universität Hildesheim

Institut für Psychologie

Marienburger Platz 22

31141 Hildesheim

Projektleiterin: Prof. Dr. Claudia Mähler

Förderkennzeichen: 01 GJ 1012 C

Förderbetrag: 158.101 EUR

Laufzeit: 01.01.2011 – 28.02.2014


Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Fakultät I - Bildungs- und Sozialwissenschaften

Institut für Pädagogik

Ammerländer Heerstraße 114-118

26111 Oldenburg

Projektleiter: Prof. Dr. Dietmar Grube

Förderkennzeichen: 01 GJ 1012 D

Förderbetrag: 153.823 EUR

Laufzeit: 01.01.2011 – 28.02.2014


Eine Vielzahl von Studien hat sich in den vergangenen Jahren mit den kognitiven Ursachen sogenannter umschriebener Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten beschäftigt. Das Modell des Arbeitsgedächtnisses von Baddeley (1986) hat sich dabei als eine hilfreiche theoretische Grundlage zur Identifikation spezifischer Beeinträchtigungen bei verschiedenen Störungsbildern wie z. B. Lese-Rechtschreib-Störungen (LRS) und Rechenstörungen erwiesen. Es unterscheidet zwischen zwei modalitätsspezifischen Subsystemen (phonologisches und visuell- räumliches Arbeitsgedächtnis) und einer übergeordneten zentralen Exekutive. Eine Beeinträchtigung des phonologischen Arbeitsgedächtnisses lese-rechtschreib-schwacher Kinder konnte in mehreren Studien nachgewiesen werden. Dabei scheint das gesamte System der phonologischen Schleife betroffen zu sein, d. h., Defizite der Kinder mit LRS zeigen sich sowohl in Aufgaben, die den phonetischen Speicher erfassen, als auch in Aufgaben, die stärker die Rehearsal-Komponente betreffen. Beeinträchtigungen in visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisleistungen werden dagegen eher bei Vorliegen einer Dyskalkulie berichtet. Zurzeit fehlt es aber sowohl an Studien, die längsschnittlich die intraindividuellen Veränderungen der Arbeitsgedächtnisfunktionen bei entsprechend auffälligen Kindern analysieren, als auch an solchen, in denen eine Ausdifferenzierung der verschiedenen Funktionsbereiche des Arbeitsgedächtnisses erfolgt und diese in Beziehung gesetzt werden zu den verschiedenen Varianten der umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Die Kenntnis der unterschiedlichen Entwicklungsverläufe der Arbeitsgedächtnisfunktionen von Kindern, die zwischen acht und zwölf Jahren ihre Entwicklungsstörung überwinden, im Vergleich zu denen, bei denen die Störung weiter besteht, würde eine nützliche Grundlage für die Konzeption von Förderansätzen liefern. Das Projekt RABE untersuchte die differentialdiagnostische Relevanz des Arbeitsgedächtnisses für Kinder mit umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Funktionsbereiche des Arbeitsgedächtnisses im Entwicklungsverlauf und ihrer Einflüsse auf die Entwicklung unterschiedlicher Lernstörungen waren daher das primäre Anliegen des Projektes.

In diesem Zusammenhang wurden folgende Fragestellungen bearbeitet:
  • Lassen sich störungsspezifische Funktionsdefizite des Arbeitsgedächtnisses identifizieren?
  • Verändern sich die Funktionsdefizite des Arbeitsgedächtnisses bei Kindern mit diagnostizierten Lernstörungen zwischen acht und zwölf Jahren?
  • Lassen sich Unterschiede in der Arbeitsgedächtnisentwicklung zwischen Kindern feststellen, die ihre Lernstörungen erfolgreich überwinden, und solchen, denen dies nicht gelingt?

Die genauere Kenntnis der störungsspezifischen Beeinträchtigungen und ihrer Entwicklungsverläufe ermöglicht eine sehr viel frühere Identifikation von Kindern, bevor die definitorischen Kriterien der Lernstörung voll entwickelt sind, und ermöglicht somit einen frühzeitigen Einsatz von Fördermaßnahmen.

An den drei Projektstandorten Frankfurt, Hildesheim und Oldenburg fanden im Sommer 2011 diagnostische Voruntersuchungen des Lesens, Rechtschreibens und Rechnens sowie eine Überprüfung der allgemeinen Lernfähigkeit (Intelligenz) bei mehr als 2000 Kindern am Ende der zweiten Klassenstufe statt. Basierend auf diesem Screening wurden 465 Kinder für die Längsschnittstudie ausgewählt. Darunter sind Kinder ohne Lernschwierigkeiten (Vergleichsgruppe) sowie solche mit unterschiedlichen Lernstörungen und Lernschwächen. Bei Kindern mit Lernstörungen ist die schulische Minderleistung im Störungsbereich erwartungswidrig angesichts einer sehr viel besser ausgeprägten Intelligenz. Alle Kinder wurden seit der dritten Klasse in halbjährlichen Abständen untersucht. Erfasst wurden Schulleistungen, Arbeitsgedächtnisfunktionen und weitere spezifische Prädiktoren von Schulleistungen (u. a. phonologische Bewusstheit und mathematische Basiskompetenzen). Die Voruntersuchungen belegten, dass im mittleren Grundschulalter ein Drittel (32,8 Prozent) aller Kinder auffällige Minderleistungen in mindestens einem der Leistungsbereiche Lesen, Schreiben und Rechnen aufwiesen. Bei gut 23 Prozent der Kinder traten diese trotz eines Intelligenzquotienten im Normalbereich auf. Wiederum mehr als die Hälfte (13,3 Prozent) dieser Kinder erfüllten die ICD-10-Kriterien für eine Lernstörungsdiagnose. Die Prävalenzraten für die einzelnen isoliert und multipel auftretenden Lernstörungen im Lesen und Rechtschreiben und Rechnen lagen zwischen 2 und 4 Prozent. Dabei kam die im ICD-10 nicht gesondert klassifizierte isolierte Lesestörung mit 2,6 Prozent sogar etwas häufiger vor als eine kombinierte Lese- und Rechtschreibstörung (2,1 Prozent). Auch zu der Debatte, ob das erwähnte Intelligenzdiskrepanzkriterium des ICD- 10 nicht aufzugeben sei, tragen die ersten Ergebnisse bei. So zeigten sich bislang keine Unterschiede im Arbeitsgedächtnis zwischen Kindern, die das Intelligenzdiskrepanzkriterium erfüllen oder nicht erfüllen. Ein großer Erfolg war es, dass viele Eltern betroffener Kinder motiviert werden konnten, sich auf die Längsschnittuntersuchung RABE einzulassen. Geplant war die wiederholte Untersuchung dieser Gruppe für weitere drei Jahre, um die Chance zu nutzen, noch viel mehr über die Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses bei Kindern mit Lernstörungen zu erfahren. Insbesondere sollte dabei gezielt geprüft werden, ob sich diagnostisch und förderrelevante Unterschiede finden lassen zwischen solchen Kindern, die ihre Lernstörung zwischen acht und zwölf Jahren überwinden, und solchen, bei denen die Lernschwierigkeiten manifest bestehen bleiben.

Weitere Informationen unter:
http://www.dipf.de/de/forschung/abteilungen/bildung-und-entwicklung
http://www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/psychologie/
 http://www.uni-oldenburg.de/paedagogik/