Interview mit Prof.in Dr. Manuela Niethammer des Verbundprojekts „Schule inklusiv gestalten (SING)"


1. Frau Professorin Niethammer, was ist Ihre persönliche Motivation, sich mit Fragen der inklusiven Bildung zu beschäftigen?

Als Didaktikerin für die Beruflichen Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik, Farbtechnik sowie Labor- und Prozesstechnik interessiere ich mich sehr für die Gestaltung optimaler Bedingungen für das Lernen. Mich treibt die Frage um, wie Lernprozesse initiiert und unterstützt werden können. Mit Lernprozessen meine ich die subjektive Auseinandersetzung des Menschen mit seiner natürlichen, technischen und gesellschaftlichen Umwelt. Menschen zum Lernen anzuregen ist für mich ein wesentliches Kriterium der Teilhabe eines/einer Lernenden an Lehr-Lern-Settings und damit einer inklusiven Schule. Wichtig sind dabei nicht nur Fragen der fachdidaktischen Gestaltung, sondern auch andere Faktoren der Bildungsgestaltung auf der Mikroebene: wie der Beziehungsarbeit, der Sicherung von Unterstützungsstrukturen sowie der Klassenführung.

Somit ist zu klären, wie zukünftige Lehrpersonen die genannten Faktoren so gestalten können, dass die Teilhabe aller Lernenden am Unterricht – unabhängig von ihren jeweiligen Lernausgangslagen – gefördert wird. Das setzt voraus, dass die Lernenden bereits Zugang zu einem flexiblen und durchlässigen Bildungssystem haben. Diese Aspekte der Bildungsgestaltung auf der Meso- bzw. Makroebene können nicht vernachlässigt werden.

2. Wie würden Sie Ihr Projekt in einem Satz beschreiben?

Wir öffnen eine multiprofessionelle Perspektive auf inklusionssensiblen Unterricht.

Dies gelingt uns, indem wir die individuelle Förderung auf Basis diagnostischer Informationen mit der fach- bzw. berufsdidaktischen Perspektive in der Ausbildung von Lehrkräften verknüpfen. Die Studierenden setzen sich in Seminaren mit Varianten der pädagogischen und fachspezifischen Diagnostik der Lernausgangslagen von Lernenden in konkreten Klassen auseinander und erproben verschiedene diagnostische Zugänge. Auf dieser Grundlage werden inklusionssensible Lehr-Lern-Settings entwickelt, erprobt und evaluiert. Kriterien hierfür sind Partizipation, Kooperation/Dialog und Wertschätzung.
Die fach- bzw. berufsdidaktische Planung der Settings basiert nach wie vor auf der Analyse der Lerninhalte und der damit verbundenen Lernpotenziale für die Lernenden sowie der Aneignungsweisen. Aneignung umfasst hierbei Wahrnehmung, Erkenntnisgewinn und Verinnerlichung.
Auf dieser Grundlage werden inklusionssensible Lehr-Lern-Settings bewusst geplant und erprobt.

3. Sie erarbeiten im Projekt ein Instrument, das die Lernstände der Lernenden mit den fach- bzw. berufsspezifischen Inhalten verbindet und leiten daraus Lernsettings ab. Was erhoffen Sie sich dadurch langfristig? Was tun Sie/können Sie tun, dass das Instrument wirklich zum Einsatz kommt?

Versteht man Lernprozesse als die aktive und interaktive Auseinandersetzung von Subjekten mit (Lern)Objekten, dann ergibt sich folgerichtig, dass für die Planung und Umsetzung lernförderlicher Lehr-Lern-Umgebungen beide Pole dieser Subjekt-Objekt-Beziehung beachtet werden müssen. Die fach- bzw. berufsspezifischen Inhalte charakterisieren die Objektseite, die Lernstände der Lernenden sowie deren Aneignungsprozesse die Subjektseite.
Der Ansatz impliziert, dass die Bildungsziele, die mit den verschiedenen Bildungsgängen (wie z. B. Realschul- oder Facharbeiterabschluss) gesetzt werden, als ein Bezugspunkt betrachtet werden. Lehr-Lern-Settings sind also so zu gestalten, dass die Lernenden zum einen die Chance haben, Aufgaben gemäß ihrer jeweils nächsten Entwicklung zu bearbeiten. Zum anderen sind die Lerngelegenheiten so zu stufen, dass in der Summe auch die verschiedenen Bildungsgangziele erreicht werden können. Dies setzt ein vertieftes Inhaltsverständnis voraus; für die berufliche Bildung auch ein Verständnis der verschiedenen Berufe und berufstypischen Arbeitsaufgaben.

Ich hoffe, dass durch die Kopplung beider Perspektiven lernförderliche Umgebungen geschaffen werden, die individuelle Zugänge und Lernwege ermöglichen, die dennoch nicht beliebig sind.

In der Projektumsetzung zeigte es sich, wie schwer es Studierenden und auch Dozierenden fällt, sowohl Subjekt- als auch Objektseite jeweils angemessen zu beachten und aufeinander zu beziehen. Es kommt insofern darauf an, die Lehrerbildung von Anfang an multiperspektiv auszurichten und in den bildungswissenschaftlichen wie fach- bzw. berufsdidaktischen Modulen dieses dialektische Herangehen zu thematisieren und erfahrbar zu machen. Langfristig werden die zukünftigen Lehrenden diesen Ansatz nur mittragen, wenn sie dessen positive Effekte bereits im Studium erfahren und selbst kompetent anwenden konnten.

4. Im Projekt untersuchen Sie außerdem, wie Berufsschulen organisiert sein müssen, damit inklusiver Unterricht gelingt. Was war bislang für Sie die erstaunlichste Erkenntnis?

Erstaunlich eher nicht. Vielmehr bestätigen die Ergebnisse, dass die kooperative Arbeit in multiprofessionellen Teams ein wesentlicher Faktor für erfolgreiche inklusionssensible Bildungsprozesse ist. In diesen Teams werden unter anderem gemeinsame Werte und Ziele verfolgt und der Fokus wird auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler gerichtet.
In Sachsen bestehen nach wie vor Berufliche Förderschulen neben den sogenannten Regelschulen, wobei sich beide Schulen öffnen können. Im Projekt kooperierten wir mit jeweils einer dieser Schulen. Die Berufliche Förderschule inkludiert Auszubildende ohne Behinderung oder sonderpädagogischen Förderschwerpunkt in ihren Klassen, und in der Berufsschule lernen auch Auszubildende mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkten. Die diagnostizierten Förderschwerpunkte sind den Lehrenden nicht zwingend bekannt, da diese Informationen beim Übergang in die berufliche Ausbildung nicht weitergegeben werden.
Wenn inklusionssensible Lehr-Lern-Settings verschiedene Lernwege ermöglichen sollen, sind die zeitlichen und räumlichen Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen. Studierende, die für ein Lehr-Lern-Setting zum Beispiel den gesamten Klassenraum umräumten, erhielten das Feedback, dass dieser Aufwand nicht alltäglich realisierbar sei. Das stimmt sicher, aber die eigentliche Frage wäre doch, welches Raumkonzept ermöglicht den Lernenden differenzierte Aneignungsweisen?

5. Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung, um inklusive Bildung an Berufsschulen umzusetzen? Und was bedeutet das für Ihr Projekt?

Ich war ja schon darauf eingegangen, wie herausfordernd es ist, Lehr-Lern-Settings zu gestalten, in denen sowohl die Subjekt-, als auch die Objektseite berücksichtigt wird. Diese komplexe Aufgabe kann durch die Arbeit in multiprofessionellen Teams aufgefangen werden. Das setzt aber voraus, dass die jeweiligen Chancen und Grenzen einer Perspektive allen im Team bewusst sind und dass man lernt, einander trotz der verschiedenen Fachsprachen und Denk-Kulturen zu verstehen. Das kann gut gelingen, wenn die Teams gemeinsame Teilprojekte bearbeiten, zum Beispiel indem zunächst „idealtypische“ Lehr-Lern-Settings ausgehandelt und entwickelt werden. Über diese Entwicklungsarbeit und deren Reflexion werden die Kompetenzen jedes einzelnen transparent und alle entwickeln ihre Kompetenz hinsichtlich der Gestaltung inklusionssensiblen Unterrichts weiter. Diese kann anschließend in der alltäglichen Arbeit angewendet werden.
Das Know-how in die alltägliche Unterrichtsarbeit zu übertragen, in der die Lehrenden in der Regel allein sind und die adaptives Handeln erfordert, ist die zweite große Herausforderung. Adaptive Förderung setzt voraus, dass die Interaktionen im Lehr-Lern-Prozess als diagnostische Zugänge genutzt werden und dass auf dieser Grundlage Lernangebote unterbreitet werden. Zu diesen Prozessen, die noch intensiver theoretisch erforscht werden müssen, besteht akuter Fortbildungsbedarf. Diese Auseinandersetzung muss über die Projektlaufzeit hinaus geführt werden. Dies setzt eine intensive Kooperation mit Partnerschulen voraus.

Infokasten

Mikro-, Meso- und Makroebene
Bildungsprozesse (und andere Prozesse) können auf unterschiedlichen Ebenen erforscht werden. Auf der Makroebene werden z. B. Bildungssysteme erforscht (z. B. die Bildungssysteme der Bundesländer). Auf der Mesoebene stehen z. B. Institutionen wie Schulen und Kindertageseinrichtungen im Fokus. Auf der Mikrobene werden Handlungen und Entscheidungen der Akteure, wie z. B. Lehrkräfte oder Erzieherinnen und Erzieher, und/oder die Beziehungen der Menschen zueinander im Bildungssystem betrachtet.

Dialektik/dialektisches Herangehen
Im bildungssprachlichen Sinne bedeutet ein dialektisches Herangehen, einen Gegenstand von gegensätzlichen Seiten her zu betrachten. Es geht darum, die eigene These dadurch hervorzuheben, dass man die Gegenseite auch beleuchtet und dadurch zu einer neuen Erkenntnis gelangt. Man schaut von allen Seiten auf einen Gegenstand und betrachtet die Vor- und Nachteile, was zu einer Synthese führen soll, die die eigene These möglichst stützt.

Aneignungsweisen
Die Frage ist: wie kann die Beschäftigung mit einem (Lern-)Gegenstand möglichst vielfältig gefördert werden z. B. durch offene Lernräume, Materialien, verschiedene Vermittlungskanäle (visuell, haptisch, auditiv etc.)?

Adaptives Handeln/adaptive Förderung
Der Unterricht wird auf die Bedürfnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler ausgerichtet (z. B. Lerntempo, Lerntypen, Kenntnisstand). Hierzu ist eine ständige Reflexion des eigenen Handelns als Lehrperson notwendig. Auf der Grundlage von Förderkonzepten und Diagnostik können Schülerinnen und Schüler im Unterricht so individuell unterstützt werden.

Zur Person

Foto Professorin Manuela Niethammer

Frau Professorin Manuela Niethammer hat seit 2009 die Professur Bautechnik, Holztechnik, Farbtechnik und Raumgestaltung/Berufliche Didaktik an der Technischen Universität Dresden inne. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem die didaktisch induzierte Arbeitsanalyse sowie die Gestaltung arbeitsaufgabenbasierter Lehr-Lern-Settings. Im Projekt SING untersucht sie die Potenziale der Didaktik der Beruflichen Fachrichtungen für die Gestaltung inklusiver, beruflicher Bildung.

Bildquelle: Manuela Niethammer, Technische Universität Dresden