Evidenzbasiertes Handeln im schulischen Mehrebenensystem - Bedingungen, Prozesse und Wirkungen (Verbundvorhaben)


Verbundpartner:

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

FB 03: Rechts- und Wirtschaftswissenschaften - Wirtschaftswissenschaften

Jakob Welder-Weg 9

55128 Mainz

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Olga Zlatkin-Troitschanskaia

Förderkennzeichen: 01 JG 1010A

Förderbetrag: 515.002 EUR

Laufzeit: 01.09.2010 - 31.08.2013


Universität Duisburg-Essen

Fakultät für Bildungswissenschaften

Institut für Pädagogik

Berliner Platz 6-8

45141 Essen

Projektleiterin: Prof. Dr. Isabell van Ackeren

Förderkennzeichen: 01 JG 1010B

Förderbetrag: 124.426 EUR

Laufzeit: 01.09.2010 - 31.08.2013


Das Konzept evidenzbasierter Steuerung gewann als umfassende Innovation im Bildungssystem verstärkt Beachtung. Hierbei wurde der Politik sowie der pädagogischen Praxis mittels verschiedener Evaluationsinstrumente (wie Leistungstests, Schulinspektionen) Steuerungswissen als Handlungsgrundlage zur Verfügung gestellt. Jedoch zeigten verschiedene (Rezeptions-)Studien zum Umgang mit den Ergebnissen der Leistungstests, Vergleichsarbeiten etc. aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum, dass Lehrkräfte sowie Schulleitungen nur sehr bedingt ihr eigenes Handeln auf Grundlage dieser Evidenzen gestalten. Entsprechend erfolgten avisierte unterrichtliche und schulische Entwicklungsprozesse oft nicht evidenzbasiert. Der aktuelle Forschungsstand zeigte zudem, dass bisher kaum Studien vorlagen, die Unterschiede evidenzbasierten Handelns in verschiedenen Schulformen betrachteten.

Der interdisziplinär angelegte Forschungsverbund EviS setzte an dieser Forschungslücke an. Evidenzbasiertes Handeln wurde im Rahmen des Projekts zunächst so gefasst, dass Lehrkräfte und Schulleitung auf Grundlage von Fachwissen Entscheidungen trafen und handelten. Hierbei ließ sich zwischen Wissen, das von außerhalb der Schule stammte (bspw. Ergebnisbericht der Schulinspektion), und Wissen, das von der Schule selbst durch beispielsweise interne Evaluationen generiert wurde, unterscheiden. Den Gegenpol hierzu stellte Handeln auf Grundlage von Ersatzwissen dar. Als Entscheidungsbasis dienten hierbei in der Regel persönliche (Alltags-)Erfahrungen. In einer Studie mit insgesamt 2640 Lehrkräften und 297 Schulleitungsmitgliedern an 153 Schulen wurde u. a. der Frage nach dem Ausmaß und nach möglichen Unterschieden sowie personellen (Professionswissen, Einstellungen u. v. m.) und institutionellen (u. a. schulindividuellen Merkmale wie Kommunikation, Klimavariablen, Führungsverhalten u. v. m.) Prädiktoren evidenzbasierten Handelns von Lehrkräften verschiedener Schultypen und -arten nachgegangen.

Das Forschungsprojekt untersuchte auf verschiedenen schulischen Ebenen die Bedingungen, Prozesse und Wirkungen evidenzbasierten (Steuerungs-)Handelns. Auf der Ebene der Schule, wurden Rahmenbedingungen, Organisationsklima und -kultur auf ihren Einfluss auf den Umgang mit Evidenz- und Ersatzwissen untersucht. Der Schulebene sind spezifische Organisationsmerkmale sowie aggregierte Merkmale der Ebene der individuellen Lehrenden zuzurechnen. Die Schulleitungsebene hat eine besondere Funktion, da sie zwar auch auf der individuellen Ebene anzusiedeln ist, jedoch die organisationale Ebene in besonderem Maße beeinflusst und teilweise auch repräsentiert. Je nach Fragestellung wurden gewonnene Daten zu Mitgliedern der Schulleitung entweder als Daten der individuellen Ebene oder der Schulebene analysiert. Auf Ebene der individuellen Lehrenden war u. a. von besonderem Interesse, wie Wissen in konkrete Maßnahmen der Unterrichts- und Schulpraxis umgesetzt wird. Im Einzelnen wurden Bedingungen und Prozesse von Rezeption, Weitergabe und Nutzung von u. a. auf Grundlage von Evaluationen, Schulinspektionen und Schulleistungsvergleichsstudien generierten Wissensbeständen untersucht. Das Verbundprojekt gliederte sich in ein Zentralprojekt sowie zwei Teilprojekte. Das Zentralprojekt umfasste die standardisierte Befragung von insgesamt 2640 Lehrkräften und 297 Schulleitungsmitgliedern an 153 Schulen in Rheinland-Pfalz. Im längsschnittlich angelegten Teilprojekt 1 erfolgte eine Befragung von Lehramtsanwärtern im Vorbereitungsdienst für allgemein- und berufsbildende Schulen sowie von Studierenden. Der Schwerpunkt der Analysen lag auf den kognitiven, motivationalen und selbstregulativen Dispositionen für einen professionellen Umgang mit Evaluationsdaten. Im Vordergrund stand der Professionalisierungsprozess im Verlauf der Lehrerausbildung.

In Teilprojekt 2 wurden vertiefende Fallstudien durchgeführt. Das zeitlich nachgeordnete Projekt versprach eine methodische und inhaltliche Vertiefung des Zentralprojektes. Im Sinne eines „Theoretical Samplings“ wurden jeweils vier Gymnasien und vier berufsbildende Schulen ausgewählt, die sich durch eine hohe bzw. eine geringe Evidenznutzung auszeichneten.

Erste Ergebnisse zeigten, dass die befragten Lehrkräfte unabhängig von der Schulform nur bedingt evidenzbasiert handelten. Zudem wurde deutlich, dass das Ausmaß evidenzbasierten Handelns an allgemeinbildenden Schulen zwar nur leicht, jedoch statistisch signifikant höher ausfiel als an berufsbildenden Schulen. Hinsichtlich der Prädiktoren erwiesen sich das Führungsverhalten der Schulleitung (v. a. transformationale Führung) und schulindividuelle Merkmale (wie Wertschätzung von Eigeninitiative, Kommunikation und Partizipation) als bedeutsamste Einflussfaktoren auf das evidenzbasierte Handeln der Lehrkräfte. Die Befunde deuteten zudem darauf hin, dass die Aufmerksamkeit der Schulen für Informationsquellen mit spezifischem Bezug zur Einzelschule bzw. insbesondere zum Fachunterricht am größten ist. Die empfundene Nützlichkeit, die Auseinandersetzung und die Nutzung von Befunden waren bei prozessorientierten, schulspezifischen Informationsquellen (z. B. Schülerfeedback zum Unterricht) am größten. Die Instrumente der sogenannten neuen Steuerung (z. B. Vergleichsarbeiten, Schulinspektionen) wurden hingegen relativ wenig rezipiert und in vergleichsweise geringem Maße zur Ausgestaltung der schulischen Arbeit genutzt. Im TP 1 konnte bei den befragten 1.300 Studierenden über den Studienverlauf ein geringer, aber signifikanter Kompetenzzuwachs (insbesondere Wissen) festgestellt werden. In der Referendariatsphase konnten z. T. rückläufige Entwicklungen festgestellt werden (z. B. im Sinne des Wissensabbaus). Im TP 2 wurden in den ausgewählten Schulen vertiefende Interviews mit Lehrkräften und Schulleitung geführt sowie die schulischen Gesamtnetzwerke erhoben.

Weitere Informationen unter:
http://wiwi.uni-mainz.de/
https://www.uni-due.de/biwi/paedagogik/
Projekthomepage: http://www.blogs.uni-mainz.de/fb03-wipaed-evis/