Evidenzbasierte Leseförderung in der Grundschule (1. Phase, Verbundvorhaben)


Verbundpartner:

Justus-Liebig-Universität Gießen

Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft

Pädagogische Psychologie mit dem Schwerpunkt Schulische Prävention und Evaluation

Otto-Behaghel-Str. 10, Haus F

35394 Gießen

Verbundkoordinator: Prof. Dr. Marco Ennemoser

Förderkennzeichen: 01 GJ 1004 A

Förderbetrag: 197.339 EUR

Laufzeit: 01.09.2010 – 31.08.2013


Universität Kassel

Fachbereich 01 Humanwissenschaften

Institut für Psychologie

Holländische Straße 36-38

34127 Kassel

Projektleiter: Prof. Dr. Tobias Richter

Förderkennzeichen: 01 GJ 1004 B

Förderbetrag: 194.690 EUR

Laufzeit: 01.09.2010 – 30.09.2013


Die Förderung der Lesekompetenz zählt zu den wichtigsten Aufgaben unseres Bildungssystems. Während im vorschulischen Bereich für Programme zur Förderung schriftsprachlicher Vorläuferfertigkeiten zahlreiche empirische Wirksamkeitsnachweise vorliegen, herrscht im Grundschulbereich deutlich weniger Klarheit über die Wirksamkeit verfügbarer Förderkonzepte. In der Literatur werden unterschiedliche Maßnahmen vorgeschlagen, die auf verschiedenen Ebenen der Lesekompetenz ansetzen. Maßnahmen zur Förderung von Graphem-Phonem-Assoziationen (Buchstaben-Laut-Zuordnungen; „Phonics-Trainings“) setzen unterhalb der Wortebene an und zielen auf basale Fertigkeiten der phonologischen Rekodierung ab. Davon abzugrenzen sind Trainings zur Förderung der Leseflüssigkeit (Fluency), die einen zunehmend automatisierten Lesevorgang zum Ziel haben, sowie Lesestrategietrainings, die unmittelbar das Leseverständnis verbessern sollen. Für alle drei genannten Konzepte liegen Befunde vor, die auf ihre prinzipielle Wirksamkeit schließen lassen. Allerdings lässt die bisherige Forschung weitgehend offen, (a) welche Teilprozesse des Leseverstehens durch die einzelnen Förderkonzepte gefördert werden, (b) welches Förderkonzept zu welchem Entwicklungszeitpunkt bzw. in welcher Klassenstufe am besten geeignet ist und (c) von welchen kognitiven Voraussetzungen der Schüler und Schülerinnen (z. B. Ausgangsniveau, Intelligenz oder Gedächtnisfähigkeiten) der Erfolg der einzelnen Förderkonzepte abhängt. Auf Grundlage einer prozessorientierten Sichtweise des Leseverstehens, in der Lesekompetenz als effiziente Bewältigung von Teilprozessen auf Wort-, Satz- und Textebene verstanden wird, lassen sich bezüglich dieser offenen Fragen präzise Hypothesen formulieren, die im Rahmen des Forschungsvorhabens geprüft wurden. Im Rahmen des Forschungsvorhabens wurde der Frage nachgegangen, welche Teilprozesse des Leseverstehens durch die drei genannten Förderansätze (Phonics-Training, Fluency-Training, Förderung von Lesestrategien) jeweils gefördert wurden. Ferner wurde untersucht, welche Maßnahme zu welchem Zeitpunkt und unter welchen individuellen Ausgangsvoraussetzungen am Erfolg versprechendsten ist. Neben wesentlichen theoretischen Beiträgen zur Lesekompetenzforschung lieferte das Projekt somit auch praktische Erträge für eine differenzierte und adaptive Förderung von Lesefähigkeiten.

Zur Beantwortung der genannten Fragen wurden insgesamt 876 Zweit- und Viertklässler und -klässlerinnen für eine Trainingsstudie (Prä-Post-Follow- Up-Design) gewonnen und zufällig auf vier verschiedene Fördergruppen verteilt. Beim eingesetzten Phonics-Training (Gruppe 1) handelte es sich um ein basales Lesetraining, das an der systematischen Vermittlung des alphabetischen Prinzips, also der Zuordnung von Buchstaben zu Lauten, ansetzte. Das verwendete Leseflüssigkeitstraining (Gruppe 2) beinhaltete Übungen zum wiederholten, paarweisen Lautlesen. Im Strategietraining (Gruppe 3) wurden basale Lesestrategien vermittelt (Vorwissensaktivierung, Wiederholen, Zusammenfassen), die das Leseverständnis fördern sollten. Die Kontrollgruppe (Gruppe 4) erhielt ein leseunspezifisches Training zur Förderung visuell- räumlicher Gedächtnisfähigkeiten. Die jeweils 25 Sitzungen umfassenden Fördermaßnahmen wurden peer-gestützt und in Kleingruppen mit je zehn Kindern durchgeführt. Die Lesekompetenz der Kinder sowie relevante Drittvariablen wurden mithilfe standardisierter Verfahren erfasst. Zur differenzierten Erfassung von Teilprozessen des Leseverstehens kam ein computergestütztes Verfahren zum Einsatz.

Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Wirksamkeit der eingesetzten Trainingsmaßnahmen von den individuellen Voraussetzungen der Schüler und Schülerinnen abhängt. Den Befunden zufolge scheint beispielsweise eine effiziente Worterkennung oder das syntaktische Parsing vor Beginn der Förderung den Erfolg der Fördermaßnahmen zu begünstigen. Die weiteren Analysen sollten differenziertere Erkenntnisse darüber liefern, welcher Förderansatz bei welchen individuellen Voraussetzungen die besten Erfolge erwarten lässt. Insgesamt ging aus den Analysen hervor, dass die erzielten Fördereffekte vergleichsweise gering ausgeprägt waren. Diesbezüglich konnten im bisherigen Projektverlauf bereits Hinweise für Optimierungspotenziale in der Trainingsdurchführung gewonnen werden.

Weitere Informationen unter
2. Phase des Projekts (A) und (B)
http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb06/psychologie/abt/paed-psy/spe
http://www.uni-kassel.de/fb01/institute/psychologie/institut-fuer-psychologie-startseite.html