Individuelle Bildungsverläufe im Übergangssystem: zur Wechselwirkung von individuellen und sozialen Merkmalen und institutionellen Bedingungen (Verbundvorhaben)


Teilprojekt A und B

Georg-August-Universität Göttingen

Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät - Seminar für Wirtschaftspädagogik

Professur für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung

Wilhelmsplatz 1

37073 Göttingen

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Susan Seeber

Förderkennzeichen: 01JC1119A

Förderbetrag: 310.444 EUR

Laufzeit: 01.03.2012–28.02.2015


Universität Stuttgart

Fakultät 10 Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - Institut für Erziehungswissenschaft und Psychologie

Abt. Berufs-, Wirtschafts- und Technikpädagogik

Keplerstr. 7

70174 Stuttgart

Projektleiter: Prof. Dr. Reinhold Nickolaus

Förderkennzeichen: 01JC1119B

Förderbetrag: 313.860 EUR

Laufzeit: 01.03.2012–28.02.2015


Folgende Forschungsfragen wurden im Projekt bearbeitet:

  • Wie unterscheiden sich Jugendliche im schulischen Übergangssystem von Jugendlichen, die eine Ausbildung absolvieren?
  • Wie entwickeln sie sich im Laufe ihres Übergangsschuljahrs und welche Faktoren bedingen, ob ihnen der Übergang in die berufliche Ausbildung gelingt?

Das Übergangssystem umfasst Lernangebote, die die Ausbildungsreife von Jugendlichen fördern sollen. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden anschließend eine Ausbildung absolvieren. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Angeboten. Doch wie wirksam sind diese Maßnahmen? Im Projekt wurden die Entwicklungsverläufe von 5.567 Schülerinnen und Schülern untersucht, die sich im  Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), im Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) oder im Berufseinstiegsjahr (BEJ) befanden. Sie wurden zu Beginn und am Ende ihres Qualifizierungsjahres an Schulen in Baden-Württemberg (n = 1.987), Niedersachsen (n = 3.026) und Berlin (n = 563) befragt. Dabei wurden unter anderem soziale, kulturelle und individuelle Ressourcen sowie institutionelle Förderaspekte und regionale Arbeitsmarktstrukturen beleuchtet. Ergänzend dazu wurden nach dem Übergangsschuljahr 689 telefonische Leitfadeninterviews geführt. Sie dienten der Frage, welche Wege die Jugendlichen eingeschlagen haben.

Jugendliche im Übergangssystem unterscheiden sich von Auszubildenden durch einige typische Merkmale. Sie haben öfter keinen Schulabschluss, nur einen Hauptschulabschluss oder eine Förderschulvergangenheit. Jugendliche, die von einer Förderschule kommen, nutzen das BVJ/VAB mit technischer oder hauswirtschaftlicher Ausrichtung oftmals, um einen Hauptschulabschluss nachzuholen. Neben Förderschülerinnen und -schülern setzen sich BVJ/VAB-Klassen aus Schulabbrecherinnen und Schulabbrechern beziehungsweise Schulverweigerern zusammen, die oft lernschwach und verhaltensauffällig sind. Insgesamt finden sich im Übergangssystem etwas mehr männliche als weibliche Teilnehmende. Weiterhin haben in Baden-Württemberg und Berlin zwei Drittel der Übergangsschülerinnen und -schüler einen Migrationshintergrund, in Niedersachsen sind es rund 40 Prozent. Jugendliche des Übergangssystems stammen zudem öfter aus sozial benachteiligten Verhältnissen als Auszubildende: Ihre Eltern haben vergleichsweise niedrige Schul- und Berufsabschlüsse und sind häufiger arbeitslos oder nur teilzeiterwerbstätig.

Jugendliche im Übergangssystem fühlen sich bei ihren Bewerbungen besser durch ihr privates Netzwerk unterstützt als durch Angebote der Arbeitsagenturen. Institutionelle Beratungsangebote scheinen generell schulisch angebunden zu sein. In Baden-Württemberg zeigte sich beispielsweise, dass sie nicht mehr genutzt werden, wenn die Jugendlichen ihr Übergangsjahr abgeschlossen haben. Die Unterstützung durch die Schulen wird regional unterschiedlich bewertet. In Niedersachsen schätzen sie 40 Prozent der Jugendlichen als hilfreich ein, in Baden-Württemberg sind es fast doppelt so viele. Dies deutet darauf hin, dass sich die Unterstützungsangebote sich in den Ländern qualitativ unterscheiden.

Rund die Hälfte der Jugendlichen nutzt das Übergangssystem, um ihren Abschluss zu verbessern (BEJ) oder nachzuholen (VAB; BVJ). Allerdings erweitern sie dadurch nicht unbedingt ihre Kompetenzen. Formal höhere Abschlüsse werden weniger über verbesserte Leistungen erreicht, sondern erklären sich durch leichtere Anforderungen. Die mathematischen Fähigkeiten steigern sich im Übergangssystem beispielsweise kaum: Die Ergebnisse am Schuljahresende lassen sich durch Vorwissen, den Intelligenzquotienten (IQ) und das Fähigkeitsselbstkonzept – also die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten – erklären. In anderen berufsrelevanten Fächern können die Jugendlichen ihre Kompetenzen jedoch ausbauen: So erweitern sie beispielsweise ihre hauswirtschaftlichen Kenntnisse während des Übergangsjahres in Baden-Württemberg um ca. 25 Prozent.

Unter den soziodemografischen Merkmalen erweist sich außerdem die häusliche Sprachroutine als wichtig für die Kompetenzentwicklung. Denn über die Sprachsozialisation in den Elternhäusern werden bildungsbezogene Vor- und Nachteile geschaffen und sukzessive ausgebaut.

Rund die Hälfte der Jugendlichen im Übergangssystem mündet in eine Ausbildung, weitere 20 Prozent wechseln in eine weiterführende Schule. Gelingende Übergänge in die Ausbildung werden maßgeblich durch Praktika unterstützt – in Baden-Württemberg beruhen vier von fünf Ausbildungsverträgen auf einem vorausgegangenen Praktikum. Diese Praktika finden aber nur in 30 Prozent der Fälle während des Übergangsschuljahres statt. Neben Praktika sind insbesondere Bewerbungsunterstützungen im privaten Netzwerk hilfreich, um die Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern. Scheinbar keinen Einfluss hat hingegen die Kompetenzentwicklung der Jugendlichen während des Übergangsschuljahrs. Dennoch ist es durchaus hilfreich, dass sie danach einen formalen Bildungsabschluss vorweisen können.

Die Arbeitsmarktlage wirkt sich nicht eindeutig auf Berufseinmündungen aus, allerdings sind die verwendeten Strukturdaten relativ grob. In Baden-Württemberg kann aus den Interviews mit den Lehrkräften geschlussfolgert werden, dass kleinräumige regionale Arbeitsmarktfaktoren durchaus eine wesentliche Rolle spielen, wie viele Praktika und Ausbildungen vermittelt werden.

Die zentrale Schlussfolgerung für die Praxis lautet: Um Jugendliche im Übergangssystem bei der Ausbildungssuche gezielt zu unterstützen, müssen tragfähige Kooperationen zwischen Schulen, (staatlichen) Förder- angeboten und Unternehmen geschaffen  werden.

Weitere Informationen unter
http://www.uni-goettingen.de/de/31829.html
http://www.uni-stuttgart.de/bwt/index.php
Projekthomepage (Teilprojekt A)
Projekthomepage (Teilprojekt B)