Soziale Ungleichheit durch Konstruktionen von Heterogenität bei Lehrkräften in der Sekundarstufe I


Universität Flensburg

Institut für Schulpädagogik

Auf dem Campus 1

24943 Flensburg

Projektleiter: Prof. Dr. Jürgen Budde

Förderkennzeichen: 01JC1108

Förderbetrag: 175.924 EUR

Laufzeit: 01.06.2012–31.05.2015


Folgende Forschungsfragen wurden im Vorhaben gestellt:

  • Wie gehen Lehrkräfte im Unterricht mit Differenzkategorien, zum Beispiel ethischen oder sozialen Unterschieden ihrer Schülerinnen und Schüler, um?
  •  Verstärken sie durch ihr Handeln soziale Ungleichheit
  • Und wie beeinflussen in diesem Zusammenhang unterschiedliche Schulformen (Gymnasium, Gesamt­ schule und Sekundarschule), Unterrichtsvarianten (offene und geschlossene Unterrichtsgestaltung) oder Fachkulturen (zum Beispiel Mathematik und Deutsch) die Entwicklung der sozialen Ungleichheit?

In drei Feldphasen, die jeweils vier Wochen dauerten, wurden an einer Gesamtschule, einer Sekundarschule und einem Gymnasium je eine 5. Klasse in ihrem ersten Jahr an der neuen Schule in den Blick genommen. Die Untersuchungen fanden jeweils im Deutsch- und Mathematikunterricht statt, wobei geöffnete und geschlossene Unterrichtsvarianten verglichen wurden. Die Ausgangsüberlegung war, dass sowohl spezifische Fachkulturen als auch didaktische Vorgehensweisen Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern verschiedenartig behandeln. Die didaktischen Handlungen der Lehrkräfte wurden durch teilnehmende Beobachtungen und Videografie, ihre Einstellungen mit leitfadengestützten Interviews erhoben.

Lehrkräfte thematisieren im Unterricht Kategorien der sozialen Ungleichheit wie Milieu und Migrationshintergrund kaum. Unterschiede werden mit dem Geschlecht, am häufigsten jedoch mit der Leistung begründet. Während soziale Ungleichheit im Unterricht damit eher nicht angesprochen wird, erklären Lehrkräfte in Interviews die Leistung und das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler durchaus mit Verweis auf deren Migrationshintergrund. Es gibt damit einen deutlichen Unterschied zwischen Einstellung und Verhalten.

Schulformen beeinflussen die Ausprägung sozialer Ungleichheit. Der Unterricht an der Gesamtschule und der Sekundarschule legt einen Schwerpunkt auf Verhaltensregeln. Das fachliche Lernen tritt hierdurch oftmals in den Hintergrund. Am Gymnasium flankieren die verhaltensordnungsbezogenen Interaktionen das fachliche Lernen lediglich. So ergänzen sich am Gymnasium die günstigen sozialen Hintergründe der Schülerschaft und der fachorientierte Unterricht. Bei den anderen Schulformen ist das Gegenteil der Fall. Auch Unterrichtsformate tragen dazu bei, dass soziale Ungleichheit im Unterricht hergestellt wird. In offenen Unterrichtsformaten steuern Schülerinnen und Schüler die Lernprozesse weitgehend selbst, in geschlossenen Formaten wird der Unterricht stärker durch die Lehrkraft strukturiert und ausgestaltet. Offenere Unterrichtsformate führen zu Unterschieden, weil Zeit- und Leistungsniveaus individualisiert werden. Sie begünstigen vor allem die Schülerinnen und Schüler, die ihre Lernprozesse selbstständig organisieren können und sich dabei sozial verträglich verhalten.

Differenzen zwischen Deutsch- und Mathematikunterricht können hingegen kaum nachgewiesen werden. Schulformen und Unterrichtsformate beeinflussen die Entwicklung der sozialen Ungleichheit demnach stärker als Fachkulturen.

Die soziale Ungleichheit wird außerdem vor allem durch das Zusammenspiel von Familie und Schule beeinflusst. Vorstellungen über die Familien der Schülerinnen und Schüler erscheinen dabei in besonderer Weise als „Klammer“: Denn wie die Lehrenden die soziale Lage der Familien einschätzen, beeinflusst auch, wie sie die schulischen Leistungen der Kinder bewerten.

Welchen Beitrag können Lehr- und Fachkräfte leisten, um Bildungsgerechtigkeit zu fördern? Die Handlungsspielräume von Lehrenden müssen vor dem Hintergrund struktureller Rahmenbedingungen gesehen werden. Ihr Verhalten und ihre Orientierungen lassen sich aufgrund der schulischen Rahmenbedingungen und der Unterrichtsroutinen nur schwer durch rein kognitiv wirkende Informationen ändern. Die Schulen, die die geringsten Ungleichheitseffekte zeigen, stellen das Unterrichten in den Mittelpunkt. Es scheint deshalb am sinnvollsten zu sein, dieses Kerngeschäft zu fokussieren. Darüber hinaus ist es Lehrkräften aufgrund struktureller Grenzen nur bedingt möglich, Bildungsungerechtigkeiten entgegenzuwirken.

Die Untersuchungsergebnisse legen zwei Handlungsempfehlungen für die Praxis nahe:

In der universitären Lehrerinnen- und Lehrerbildung sollten regelmäßige Einzelfallbetrachtungen und entsprechende Fallreflexionen durchgeführt werden. Auf diese Weise werden Lehrende mit Leistungskonzepten und subjektiven Theorien für Reflexionsprozesse vertraut.

Um sozialer Ungleichheit in der Schule entgegenzuwirken, sind multiprofessionelle Teams unabdingbar. Auf schulorganisatorischer Ebene sollten Maßnahmen eingeleitet werden, die die Kompetenzbereiche dieser multiprofessionellen Teams klarer bestimmen und voneinander abgrenzen.

Weitere Informationen unter
http://www.uni-flensburg.de/schulpaedagogik
http://www.uni-flensburg.de/