Geschlechterunterschiede bei Bildungsverhalten und Bildungserfolg (Verbundvorhaben)


Zur Relevanz von Familienstrukturen und regionalen Bedingungen im innerdeutschen Vergleich

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Schillerstr. 59

10627 Berlin

Verbundkoordinator: Dr. Steffen Kröhnert

Förderkennzeichen: 01JC1116A

Förderbetrag: 187.964 EUR

Laufzeit: 01.03.2012–28.02.2015


Eberhard Karls Universität Tübingen

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät -Institut für Soziologie

Geschwister-Scholl-Platz

72074 Tübingen

Projektleiter: Prof. Dr. Steffen Hillmert

Förderkennzeichen: 01JC1116B

Förderbetrag: 162.677 EUR

Laufzeit: 01.03.2012–28.02.2015


Folgenden Forschungsfragen hat sich das Projekt gewidmet:

  • Welche Prozesse auf der individuellen und familiären Ebene beeinflussen die geschlechtsspezifischen Bildungsabschlüsse?
  • Welche institutionellen und regionalen Rahmenbedingungen bestimmen neben diesen Faktoren das Herausbilden geschlechtsspezifischer Bildungsungleichheiten?

Geschlechterunterschiede in Bildungserfolg und Bildungsverhalten haben sich historisch gewandelt. In Westdeutschland besuchten bis Mitte der 1970er-Jahre mehr Jungen als Mädchen das Gymnasium und erwarben die Hochschulreife. Seitdem holten die Mädchen auf, mittlerweile schneiden sie sogar besser im Schulsystem ab. Woran liegt dies? Bislang fanden sich keine Anhaltspunkte, dass geschlechtsspezifische kognitive Kompetenzen den unterschiedlichen Bildungserfolg erklären könnten. Gibt es also individuelle, familiäre, institutionelle oder regionale Ursachen, warum Schülerinnen bessere Schulabschlüsse als Schüler erzielen? Um dies herauszufinden, wurden quantitative Analysen mit Regional- und Bildungsdaten (zum Beispiel Daten der Schulstatistik, SOEP, Mikrozensus, ALBUS, IGLU, KOALA-S) durchgeführt.

Warum schneiden Mädchen im Bildungssystem aktuell besser ab als Jungen?

Lehrerinnen und Lehrer bewerten Mädchen für ihre Leistungen besser als Jungen. Denn bei der Benotung berücksichtigen sie neben fachlichen Aspekten auch nonkognitive Fähigkeiten: In der Grundschule beeinflussen beispielsweise das Arbeits- und Sozialverhalten der Kinder, wie gut ihre Noten in Deutsch und Mathematik ausfallen. Diese nonkognitiven Kompetenzen wie Aufmerksamkeit, Lernbereitschaft und Disziplin schätzen die Lehrkräfte bei Mädchen generell positiver ein als bei Jungen. Im Ergebnis erzielen Mädchen insgesamt bessere Noten.

Betrachtet man geschlechtsspezifische Bildungsunterschiede in unterschiedlichen Regionen Deutschlands, zeigt sich, dass der Chancenvorsprung von Mädchen in den fünf neuen Bundesländern (ohne Berlin) am größten ist. Sie machen öfter Abitur und beenden die Schule deutlich seltener ohne Schulabschluss als Jungen. Ursachen hierfür sind vermutlich die nach wie vor existierenden Ost-West-Unterschiede bezüglich der Geschlechterrollen und der Arbeitsmarktorientierung von Frauen.

Zwischen dem Arbeitsmarkt und dem geschlechts- spezifischen Bildungsverhalten lässt sich generell ein Zusammenhang beobachten: Frauen reagieren in ihrem Bildungsverhalten sensibler auf Bedingungen des Arbeitsmarktes. Wenn sich die Arbeitslosigkeit auf Kreisebene erhöht, erwerben mehr Frauen das Abitur. Außerdem beenden weniger Frauen die Schule mit maximal einem Hauptschulabschluss – wohingegen Männer öfter nur die Hauptschule absolvieren oder  gar keinen Schulabschluss erwerben. Möglicherweise erhöhen Frauen ihre Bildungsanstrengungen, um trotz schlechter regionaler Bedingungen Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu haben. Es könnte außerdem sein, dass sie befürchten, aufgrund der schwierigen Arbeitsmarktlage diskriminiert zu werden und zu bestimmten (männerdominierten) Arbeitsfeldern keinen Zugang zu erhalten.

Wodurch lässt sich der Wandel der geschlechtsspezifischen Bildungschancen erklären?

Der historische Wandel der geschlechtsspezifischen Bildungschancen lässt sich durch die aktuellen Bildungsanstrengungen von Mädchen oder die Tatsache, dass sie besser bewertet werden, nicht erklären. Denn sie erhielten auch schon zu den Zeiten bessere Noten, als Jungen noch höhere Schulabschlüsse erzielten. Wie kam es also dazu, dass Mädchen Bildungsentscheidungen treffen, die stärker ihrem „objektiven“ Leistungspotenzial entsprechen, als dies früher der Fall gewesen ist? Hierfür finden sich drei Erklärungen:

Erstens gelingt es nach 1958 geborenen Mädchen besser als Jungen, die höhere Bildung der Eltern – insbesondere der Mütter – nachzuahmen. In der Generation, die vor 1958 geboren ist, profitierten die Geschlechter noch gleichermaßen vom Bildungsniveau der Eltern. Zusammen mit der Bildungsexpansion, die die Bildungsbeteiligung von allen Kindern und Jugendlichen erhöhte, führte dies dazu, dass sich die Chancen der Mädchen verbesserten.

Zweitens profitieren Mädchen auch von den rückläufigen Geburtenzahlen. Die Bildungschancen von Mädchen sind schlechter, wenn sie viele Geschwister haben. Im Besonderen gilt dies bei Familien, die viele Söhne haben. Da die Anzahl von Geschwistern seit einigen Jahrzehnten rückläufig ist, begünstigt dies die Bildungschancen von Töchtern.

Und drittens führten der historische Wandel der Geschlechterbeziehungen und die damit einhergehende stärkere Arbeitsmarktorientierung von Frauen über die Zeit dazu, dass Mädchen ihre Bildungsentscheidungen veränderten. Dadurch erhöhte sich die Anzahl der Mädchen im Bildungssystem, die – im Vergleich zu den Jungen – nach wie vor bessere Schulnoten erzielten.

Aus dem zahlenmäßigen Zuwachs von Schülerinnen folgte letztlich, dass sie die Jungen überholten und bessere Schulabschlüsse erzielten – ohne dass die Jungen absolut betrachtet zurückfielen.

Weitere Informationen unter
http://www.berlin-institut.org/
http://www.soziologie.uni-tuebingen.de/institut/ueber-uns.html
Projekthomepage (Teilprojekt A)
Projekthomepage (Teilprojekt B)