Wie und warum Benachteiligtenförderung gelingt


Eine Längsschnittuntersuchung zur Beobachtung der nachhaltigen Integration gering qualifizierter Jugendlicher in eine berufliche Ausbildung

Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V.

an der Georg-August-Universität Göttingen

Friedländer Weg 31

37085 Göttingen

Projektleiterin: Dr. Bettina Kohlrausch

Förderkennzeichen: 01JC1122

Förderbetrag: 490.314 EUR

Laufzeit: 01.10.2011–28.02.2015


Folgende Forschungsfragen wurden im Vorhaben bearbeitet:

  • Welche Erfolgsfaktoren bedingen eine gelungene und nachhaltige Integration in die berufliche Ausbildung?
  • Welche Maßnahmen zur Förderung sogenannter Risikogruppen sind Erfolg versprechend?
  • Lassen sich bildungsbiografische Muster identifizieren, gibt es also „typische“ erfolgreiche beziehungsweise erfolglose Ausbildungsverläufe?

Das Projekt basiert auf Längsschnittdaten, die den Übergang von der Hauptschule in die Berufsausbildung – und teilweise in die Erwerbstätigkeit – über einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren abbilden. Die Daten wurden in Niedersachsen an 51 Schulen erhoben. Zusätzlich floss die Perspektive der Unternehmen durch 567 Betriebsbefragungen ein.

45 Prozent der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss gelingt es innerhalb von drei Monaten, nach  der 9. Klasse einen Ausbildungsplatz zu finden. Überraschenderweise sind es dabei weniger die Noten in Deutsch und Mathematik oder die Situation auf dem Ausbildungsmarkt, die darüber entscheiden, wer einen Ausbildungsplatz bekommt und wer nicht. Ausschlag- gebend sind vielmehr die Noten im Arbeitsverhalten sowie Praxistage im Betrieb.

Jugendliche, die eine Projektklasse mit betrieblichen Praxistagen besuchen und über einen längeren Zeitraum in einem Praktikumsbetrieb sind, haben vergleichsweise bessere Ausbildungsaussichten. Denn so können sie ihre Fähigkeiten im Betrieb unter Beweis stellen und Vorurteilen entgegenwirken. Außerdem werden sie mit ihren individuellen Fähigkeiten und Motivationen von den  Betrieben wahrgenommen und haben dadurch die Möglichkeit, „ihre“ Betriebe zu finden. Den Betrieben erleichtert das längere Kennenlernen der Jugendlichen es gleichermaßen, „ihre“ Auszubildenden zu finden.

Dies deutet darauf hin, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber immer öfter davon ausgehen, dass die schulischen Basiskenntnisse von Abgängerinnen und Abgängern der 9. Klasse inzwischen so gering sind, dass sie diese nicht mehr als zentrale Einstellungskriterien heranziehen können.

Die Ergebnisse der Betriebsbefragung bestätigen dies: Der Hauptschulabschluss hat aus betrieblicher Sicht an Wert verloren hat. Für ein gutes Viertel der befragten Betriebe signalisiert er, dass die entsprechenden Bewerberinnen und Bewerber nicht über  ausreichende Fähigkeiten verfügen, um eine Ausbildung zu meistern. Jeder vierte Betrieb nimmt Hauptschülerinnen und Hauptschüler bei Bewerbungen erst gar nicht in die engere Wahl.

Diejenigen Unternehmen, die Hauptschülerinnen und Hauptschüler einstellen, greifen immer öfter auf alternative Kriterien zurück, um die Eignung der Jugendlichen für eine Ausbildung einzuschätzen. Dies sind berufsbezogene Fähigkeiten: Können die Jugendlichen den Anforderungen einer Ausbildung in fachlicher Hinsicht gerecht werden? Und die Motivation: Werden die Jugendlichen die Ausbildung auch tatsächlich beenden?

Deshalb wird es für die Betriebe immer wichtiger, dass sie die Hauptschülerinnen und Hauptschüler individuell kennenlernen. Besonders hilfreich für einen gelingenden Übergang ist es daher, wenn Schülerinnen und Schüler über einen längeren Zeitraum ein Praktikum in einem Unternehmen absolvieren oder Ferienjobs ausüben. Dies erleichtert es den Betrieben, die Zuverlässigkeit und Motivation der Jugendlichen einzuschätzen. Außerdem sind gerade für Hauptschülerinnen und Hauptschüler Sozialkompetenzen und die Unterstützung durch das Elternhaus wichtig, um einen Ausbildungsplatz zu finden und das „Manko Hauptschulabschluss“ zu kompensieren. Jugendliche, die auf diese Ressourcen nicht zurückgreifen können, sind zusätzlich benachteiligt.

Betrachtet man die Bildungsbiografien von Hauptschülerinnen und Hauptschülern über einen längeren Zeitraum, also bis zum Eintritt ins Erwerbsleben, so zeigt sich, dass sie in der Regel keine „glatten“ Verläufe aufweisen, die unmittelbar nach der Schule in eine Ausbildung und anschließend in eine Erwerbstätigkeit münden. Nur einem Zehntel der Hauptschülerinnen beziehungsweise Hauptschüler gelingt ein reibungsloser Ablauf, ohne Maßnahmen des Übergangssystems besuchen zu müssen.

Das Übergangssystem kann helfen, auf dem Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Allerdings ist es nicht für alle Jugendlichen gleichermaßen hilfreich:

  1. Einige Jugendliche können nach den Maßnahmen zwar eine Ausbildung aufnehmen, allerdings schaffen es nicht alle, die berufliche Ausbildung auch zu  beenden.
  2. Andere Jugendliche wechseln nach einem zeitlich überschaubaren Besuch des Übergangssystems in Erwerbstätigkeit oder Arbeitslosigkeit und nutzen  das Übergangssystem als Brücke. Sie entziehen sich weiteren Qualifizierungsbemühungen und riskieren dadurch eine prekäre Erwerbskarriere als Ungelernte.
  3. Und für eine weitere Gruppe stellt das Übergangssystem eine Art Falle dar, aus der sie sich nicht mehr befreien können. Sie verbringen mehr als zwei Jahre im Übergangssystem und besuchen häufig mehrere Maßnahmen, ohne dass dies ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz tatsächlich erhöhen würde.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Risiko eines brüchigen Ausbildungsverlaufs beziehungsweise eines Ausbildungsabbruchs für Jugendliche mit einem eher holprigen Einstieg in die berufliche Ausbildung größer ist. Es ist deshalb wichtig, Hauptschülerinnen und Hauptschüler nach der Schulzeit möglichst schnell in Ausbildung zu bringen.
Weitere Informationen unter: http://www.sofi-goettingen.de/index.php?id=1023