Schule im Kontext regionaler Übergangsstrukturen - Eine Untersuchung zur pfadabhängigen Verarbeitung bildungspolitischer Interventionen


Universität Hildesheim

Fachbereich I - Erziehungs- und Sozialwissenschaften

Institut für Sozial- und Organisationspädagogik

Marienburger Platz 22

31141 Hildesheim

Projektleiterin: Prof. Dr. Inga Truschkat

Förderkennzeichen: 01JC1107

Förderbetrag: 416.649 EUR

Laufzeit: 01.10.2011–31.01.2015


Folgende Forschungsfragen wurden bearbeitet:

  • Welche regionalen Besonderheiten weisen Übergangsstrukturen auf?
  • Welche Formen sozialer Teilhabe („Inclusiveness“) ergeben sich daraus?

Unter dem Stichwort der Bildungslandschaften stehen die Schulen heute vor der Herausforderung, sich sozial- räumlich zu öffnen und Kooperationen mit anderen Bildungsanbietern, sozialen Diensten und vor allem lokal ansässigen Betrieben zu entwickeln. Durch eine solche Öffnung von Schule soll eine regionale Übergangsstruktur geschaffen werden, welche die sozialen Teilhabechancen benachteiligter Schülerinnen und Schüler beim Übergang in den Beruf verbessert.

Auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene existieren zahlreiche bildungspolitische Programme und Maßnahmen, die Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen sollen. Allerdings lassen sich solche Programme nicht ohne Weiteres umsetzen, denn in den Regionen finden sich bereits unterschiedliche Strukturen, wie Übergänge in den Beruf begleitet und bewältigt werden. In der qualitativen ethnografischen Untersuchung wurden vier ländliche Regionen Deutschlands hinsichtlich ihrer regionalen Übergangsstrukturen miteinander verglichen. Ausgewählt wurden Regionen, die sich bezüglich der regionalen Lage (Nord vs. Süd; West vs. Ost), der Bildungsinfrastruktur, der Arbeitslosenquote und der regionalen Besonderheiten unterschieden. In methodischer Hinsicht wurden Sekundär- und Dokumentanalysen vorgenommen. Darüber hinaus wurden Netzwerkinterviews, Lebenslinieninterviews und biografisch-narrative Interviews geführt.

Die unterschiedlichen regionalen Übergangsstrukturen sind kulturell-historisch gewachsen und wirken sich auch darauf aus, wie Jugendliche ihre Übergangsentscheidungen biografisch konstruieren.

Die Region Gelburg ist von einer traditionsreichen Industriekultur und einem solidarischen Miteinander geprägt: Ihre Bürgerinnen und Bürger teilen eine Art gemeinsame Lebenswelt. Das Übergangssystem in Gelburg ist ein zentralistisches Modell mit einem umfänglichen Versorgungsgedanken. Die übergeordnete Steuerungsidee ist, dass alle Schülerinnen und Schüler ähnliche Maßnahmen durchlaufen. Jugendliche leiten die Berufswahl oft aus ihren frühen Ambitionen ab,  die sich während ihres Sozialisationsprozesses ergaben. Unterstützende Maßnahmen des Übergangssystems wirken deshalb weniger als Orientierung, sondern als Verstärker dieses Sozialisationsmodells.

In Grüntal findet sich ebenfalls eine gemeinschaftliche und verbindende regionale Idee. Die Akteure vor Ort verständigten sich darauf, eine technikaffine Wirtschafts- und Arbeitswelt zu schaffen. Die Übergangslandschaft zielt darauf, alle jungen Menschen in Arbeit zu bringen – jedoch nicht in einem zentralistischen Verständnis wie in Gelburg, sondern über ein hochflexibles und dynamisches Angebot, an dem viele unterschiedliche regionale Akteure beteiligt sind. Deshalb lässt sich Grüntal als bürgerschaftliches Modell bezeichnen. Die Jugendlichen fühlen sich bei ihrer Berufswahl weitgehend selbstbestimmt und nehmen keine Bildungshürden wahr. Es ist für sie beispielsweise selbstverständlich, die Schule zu wechseln oder mit unterschiedlichen Berufs- und Bildungsverläufen zu experimentieren. Dies gilt für alle Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunftsfamilie oder ihrer sozialen Lage gleichermaßen.

In Rothingen gibt es hingegen kaum verbindende Elemente und auch keine gemeinsame Erzählung über die Region. Das regionale Übergangssystem ist analog dazu ein Verinselungsmodell. Zwar arbeiten vereinzelte Akteure in der Region zusammen, allerdings meist nur über einen kurzen Zeitraum und projektbezogen. Eine gemeinsame Idee, wie Jugendliche bei ihren Übergängen begleitet werden können, gibt es nicht. Die verinselten institutionellen Strukturen bieten Jugendlichen wenig Sicherheit. Sie befürchten daher, falsche Entscheidungen zu treffen, und fühlen sich halt- und orientierungslos. Und zwar auch dann, wenn ihre Eltern sie bei ihren beruflichen Überlegungen unterstützen. Letztlich führt dies dazu, dass sie häufig in der Region bleiben, da sie dies als einzigen (vermeintlichen) Anker wahrnehmen.

Blauberg ist durch seine Nähe zum Meer durch eine maritime Wirtschaft geprägt. Die Region ist aktuell von Wandlungsprozessen wie dem Fachkräftemangel bedroht. Das Übergangssystem zielt darauf ab, diesen Wandlungsprozessen zweckmäßig zu begegnen. Aufgrund seiner funktionalen Segmentierung kann es als funktionalistisches Modell beschrieben werden: Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Bildungsniveaus sollen auf unterschiedlichen Wegen durch das Übergangssystem geführt werden. Die Jugendlichen denken ihre Biografien in einem dreiphasigen Lebensmodell. Sie grenzen die Berufsphase von der „freien“ Kindheit und Jugend und der Phase des Alters ab. In ihrer Berufsplanung spiegelt sich deutlich wider, welche beruflichen Optionen für welche Bildungsabschlüsse in der Region als üblich angesehen werden.

Die Untersuchung liefert neue Erkenntnisse zu regionalen Hemmnissen und auch Teilhabeformen an der sogenannten ersten Schwelle des Übergangs von der Schule in den Beruf. Diese können unter anderem für Sensibilisierungen genutzt werden, wie zukünftig förderpolitische Interventionen – unter Berücksichtigung der unterschiedlichen regionalen Übergangsstrukturen und ihren Teilhabechancen – effektiv gestaltet werden können. Ein neues regionales Übergangsmanagement einzuführen wäre beispielsweise in Rothingen kaum Erfolg versprechend, wenn die Unsicherheiten der Jugendlichen nicht ernst genommen würden. In den anderen Regionen sind hingegen bereits nach der regionalen Logik gut funktionierende Systeme vorhanden, weshalb neue Programme nicht ohne Weiteres implementiert werden könnten. Anschlussfähig wären hier allein solche Programme, die sich in das lokal Bestehende einfügen ließen.

Weitere Informationen unter
https://www.uni-hildesheim.de/fb1/institute/institut-fuer-sozial-und-organisationspaedagogik/
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