Potenzial der Muttersprache zur Verringerung von Bildungsungleichheit (Verbundvorhaben)


Wortschatzerwerb von Kindern nichtdeutscher Familiensprache vor zentralen Übergängen des Bildungssystems

Technische Universität Dortmund

Institut für Schulentwicklungsforschung

August-Schmidt-Str. 4

44227 Dortmund

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Nele McElvany

Förderkennzeichen: 01JC1121A

Förderbetrag: 339.318 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

FB 04 Erziehungswissenschaften

Senckenberganlage 31

60325 Frankfurt am Main

Projektleiterin: Prof. Dr. Ilonca Hardy

Förderkennzeichen: 01JC1121B

Förderbetrag: 175.737 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Folgenden Forschungsfragen haben sich die Projektmitarbeitenden gewidmet:

  • Lernen Kinder mit nicht deutscher Familiensprache deutsche Wörter leichter, wenn sie durch Kontextlernen gefördert werden?
  • Und ist es günstig, hierbei auch die Muttersprache einzubeziehen?

Kinder mit türkischem Migrationshintergrund sind im deutschen Bildungssystem im Durchschnitt vergleichsweise wenig erfolgreich. Generell gelten mangelnde Sprachkenntnisse als eine wesentliche Ursache für Bildungsungleichheit im deutschen Bildungssystem. Um diese zu reduzieren, sollen die sprachlichen Fertigkeiten von Kindern mit Migrationshintergrund gefördert werden. Laut der Theorie des Kontextlernens wird die Bedeutung eines unbekannten Wortes leichter er- schlossen, wenn sie aus dem Kontext, in den das Wort eingebettet ist, abgeleitet wird. Vermutet werden kann außerdem, dass Kinder mit Migrationshintergrund leichter deutsche Wörter lernen, wenn ihre Familiensprache einbezogen wird – denn damit steht ihnen ein zusätzlicher Wortschatz zur Verfügung.

Das Verbundprojekt untersuchte in Experimenten mit mehrwöchigen Trainingseinheiten, wie der Wortschatzerwerb von Kindern mit türkischer Familiensprache mit unterschiedlichem Fördermaterial verläuft. In der Grundschule wurden dazu Lesetexte, im Kindergarten Hörtexte verwendet. Die Kinder sollten sich die Bedeutung von unbekannten Wörtern (Zielwörtern) aus dem Zusammenhang des Textes eigenständig erschließen. Verglichen wurde, wie viele neue Wörter Kinder lernen, wenn sie (A) das Fördermaterial nur auf Deutsch erhalten, (B) vorher das gleiche Fördermaterial in der Familiensprache bekommen oder (C) das Fördermaterial wiederholt auf Deutsch mit ergänzender Übersetzung der einzelnen Zielwörter in der Familiensprache vorliegen haben. Kontrastiert wurden die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe (D). Diese erhielt das ein- sprachig deutsche Fördermaterial lediglich mit Synonymen der Zielwörter. Insgesamt nahmen 93 Kinder im Vorschulalter und 143 Kinder mit grundlegenden türkischen Lesefähigkeiten in der vierten Klassenstufe teil.

Zunächst lässt sich feststellen, dass Lernen aus dem Kontext tatsächlich effektiv ist, um den Wortschatz zu fördern. So lernen Kinder in der Grundschule, die Texte mit kontexteingebetteten Zielwörtern lesen, tendenziell mehr Wörter als Kinder, die Texte ohne diese Zielwörter erhalten. Im Kindergarten hatten die türkischsprachigen Kinder trotz geringerer Ausgangswerte einen größeren Wortschatzzuwachs als die deutschen Kinder im natürlichen Entwicklungsverlauf. Dieser Kontexteffekt lässt sich allerdings nicht statistisch absichern. Hier zeigen sich lediglich sprachenspezifische Effekte. Diese lassen sich darauf zurückführen, dass das Interventionsmaterial auf Deutsch zweimal präsentiert wird.

Die Annahme, dass es hilfreich sein könnte, die Familiensprache einzubeziehen, um deutsche Wörter zu lernen, konnte allerdings weder in der Grundschule noch im Kindergarten bestätigt werden. Kinder, die Lese- beziehungsweise Hörtexte nur auf Deutsch erhalten, lernen vergleichsweise nicht weniger. Auch hilft es Kindern beim Wortschatzerwerb nicht, wenn die zu lernenden Wörter in die Familiensprache übersetzt werden. Möglicherweise entstehen durch die Transferleistungen sogar „switching costs“, weil die Inhalte von mehreren Sprachen verarbeitet und verknüpft werden müssen. Einflussreich sind hingegen sowohl das Alter als auch die Vorkenntnisse der Kinder bezüglich des zu lernenden Wortschatzes.

Das Projekt verfolgte das übergeordnete Ziel, Kindern mit Deutsch als Zweitsprache erfolgreiche Übergänge im Bildungssystem zu ermöglichen. Die Forschungsergebnisse liefern wichtiges Wissen, um Sprachfördermaßnahmen zu entwickeln. Lese- und Hörtexte, die sich im Gegensatz zum Vokabellernen auf Kontext- lernen stützen, helfen Grundschulkindern mit nicht deutscher Muttersprache, neue Wörter zu lernen.

Allerdings ist der Effekt relativ schwach. Dies könnte daran liegen, dass den Kindern nicht erklärt wurde, wie kontextuelle Hinweise im Text genutzt werden können, um sich die Bedeutung der Zielwörter zu erschließen. Kindergartenkindern hilft Kontextlernen nur dann, wenn die kontexteingebetteten Zielwörter auf Deutsch zweimal präsentiert werden. Interessanterweise zeigte sich außerdem, dass weder Grundschul- noch Kindergartenkinder mehr neue Wörter lernen, wenn ihre Muttersprache in das Fördermaterial einbezogen wird. Bei der Sprachförderung sollte immer berücksichtigt werden, dass sich sowohl der bereits vorhandene Wortschatz als auch das Ausmaß des sprachlichen Inputs im Deutschen darauf auswirkt, wie erfolgreich Kinder die deutsche Sprache lernen.

Weitere Informationen unter

http://www.ifs.tu-dortmund.de/cms/de/home/

http://www.uni-frankfurt.de/de?locale=de