Warum sind unterschiedliche Herkunftsgruppen unterschiedlich bildungserfolgreich? (Verbundvorhaben)


Zum Zusammenspiel zwischen sozialem und kulturellem Kapital im Bildungsverhalten von Migrantenfamilien

Technische Universität Chemnitz

Philosophische Fakultät - Institut für Soziologie -

Professur für Allgemeine Soziologie I

Straße der Nationen 62

09111 Chemnitz

Verbundkoordinator: Prof. Dr. Bernhard Nauck

Förderkennzeichen: 01JC1123A

Förderbetrag: 257.587 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Universität Hamburg

Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft

Fachbereich Erziehungswissenschaft

Edmund-Siemers-Allee 1

20146 Hamburg

Projektleiterin: Prof. Dr. Ingrid Gogolin

Förderkennzeichen: 01JC1123B

Förderbetrag: 242.006 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Im Vorhaben wurden folgende Forschungsfragen gestellt:

  • Wie kann man erklären, dass Kinder verschiedener Herkunftsgruppen – trotz vergleichbarer sozialer Lage – sehr unterschiedliche Bildungserfolge verzeichnen?
  • Inwieweit erklären Sozialisations­, Erziehungs­ oder sprachliche Praktiken sowie Bildungsentscheidungen in Migrantenfamilien den unterschiedlichen Bildungserfolg?

Ziel des Projektes war es, diese Fragestellungen in vietnamesischen, türkischen und deutschen Familien vergleichend zu untersuchen. Die Kinder der Familien gehörten vier Altersstufen an: Sie standen am Eintritt in den Kindergarten, die Grundschule, die Sekundarstufe II und am Übergang in die Sekundarstufe II in allgemeinbildenden Schulen oder in die Berufsausbildung. Insgesamt wurden 789 Familien in Sachsen und Hamburg über computergestützte persönliche Interviews befragt, hiervon waren 262 deutscher, 296 vietnamesischer und 231 türkischer Herkunft. Ferner wurden mit den Kindern Sprachtests in Deutsch durchgeführt.

Zu den zentralen Ergebnissen der Untersuchung gehört, dass Schülerinnen und Schüler vietnamesischer Herkunft die höchsten Bildungserfolge zeigen – sogar höhere als die Schülerinnen und Schüler deutscher Herkunft. Zwischen den drei Gruppen bestehen deutliche Unterschiede in der Ausstattung mit ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital – diese Differenzen erklären jedoch nur begrenzt die unterschiedlichen Bildungserfolge. So tragen Ressourcen innerhalb der beiden Migrantengruppen kaum zur Differenzierung des Bildungserfolgs bei. Der geringere Bildungserfolg der türkischen Jugendlichen ist zwar weitgehend darauf zurückzuführen, dass sie über weniger Ressourcen verfügen. Hingegen muss bei den vietnamesischen Jugendlichen davon ausgegangen werden, dass sie bei gleicher Ressourcenlage wie in den deutschen Familien noch bildungserfolgreicher wären.

Das sprachliche Verhalten in den Migrantenfamilien beeinflusst den Bildungserfolg weniger. Zwar gibt es in beiden Migrantengruppen einen stärkeren Zusammenhang zwischen den schriftsprachlichen Fähigkeiten der Jugendlichen und ihrem Bildungserfolg.

Jedoch spielen weder die Fähigkeiten der Mütter in deutscher Sprache noch die verwendete Familiensprache eine Rolle. Dies ist also nicht auf das sprachliche Verhalten in den Familien zurückzuführen, sondern vielmehr auf schulische und andere außerfamiliäre Einflüsse.

Interessante Unterschiede zeigen sich hinsichtlich der Erziehungsstile: Bei den türkischen Familien wirkt sich ein sehr strenger Erziehungsstil negativ auf den Bildungserfolg der Kinder aus. In vietnamesischen Familien hingegen begünstigen elterliche Überwachung, Kontrolle und ein sehr strenger Erziehungsstil diesen. In den Familien türkischer Herkunft treffen also die üblichen „westlichen“ Erwartungen an bildungsförderliche Erziehungsstile zu, in den Familien vietnamesischer Herkunft nicht. Verantwortlich hierfür könnten unterschiedliche kulturelle Traditionen  sein.

Überraschenderweise ist der Bildungserfolg vietnamesischer Jugendlicher also nicht durch die Anhäufung begünstigender Faktoren erklärbar. Vielmehr kommt er trotz einer Reihe von Faktoren zustande, denen in der empirischen Bildungsforschung eine benachteiligende Wirkung zugeschrieben wird. Einige Erfolgsfaktoren sind nicht der familiären Lage, sondern schulischen und anderen außerfamiliären Faktoren zuzurechnen. Um die Bildungserfolge verschiedener Herkunftsgruppen noch umfassender zu untersuchen, sind nun Langzeituntersuchungen erforderlich. Darüber hinaus ist es ratsam, ethnisch-kulturelle Traditionen genauer zu analysieren, die den Umgang mit Bildungsangeboten möglicherweise beeinflussen.

Weitere Informationen unter
https://www.tu-chemnitz.de/
https://www.hebe.uni-hamburg.de/ueber-uns.html
https://www.pb.uni-hamburg.de/