Stereotype Threat als Ursache niedriger Leistungen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem


Universität Konstanz

Geisteswissenschaftliche Sektion

Erziehungswissenschaft und Empirische Bildungsforschung - Fach 45

Universitätsstr. 10

78464 Konstanz

Projektleiterin: Jun.-Prof. Dr. Sarah E. Martiny

Förderkennzeichen: 01JC1104

Förderbetrag: 268.636 EUR

Laufzeit: 01.01.2012–31.12.2014


In dem Projekt wurden insgesamt 189 Lehramtsstudierende anhand von drei Fragebogenuntersuchungen zu ihren Einstellungen gegenüber Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund befragt. Darüber hinaus bearbeiteten deutsch- und türkischstämmige Schülergruppen Leistungstests unter unterschiedlichen Bedingungen: Die Hälfte wurde mit einem negativen Stereotyp hinsichtlich der Leistung von türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten konfrontiert, die andere Hälfte nicht. Insgesamt nahmen 2.502 Schülerinnen und Schüler teil.

Die Auswertung der Fragebögen zeigt, dass deutsche Lehramtsstudierende türkischstämmige Migrantinnen und Migranten negativer bewerten und stärker für ihre Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem verantwortlich machen als andere Migrantengruppen. Dieser Befund muss vor dem Hintergrund eines zweiten Ergebnisses besonders aufmerksam betrachtet werden: Türkischstämmige Schülerinnen und Schüler schneiden in Leistungstests schlechter ab, wenn sie vorher an ihre Zugehörigkeit zur negativ bewerteten ethnischen Gruppe erinnert werden. Der Leistungsabfall ist besonders groß, wenn sie überzeugt sind, dass ihre Intelligenz eine unveränderbare Größe ist. Das heißt, je mehr sie daran glauben, dass Intelligenz sich nicht ändern lässt, desto schlechter sind ihre Leistungen nach der Stereotypaktivierung. Deutsche Schülerinnen und Schüler erbringen hingegen umso bessere Leistungen, wenn  sie an eine unveränderbare Intelligenz glauben und negative Stereotype über Migrantinnen und Migranten aktiviert werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie ihre eigene Gruppe dann vergleichsweise im Vorteil sehen. In den Kontrollgruppen der Experimente, in denen kein Stereotyp aktiviert wurde, zeigte sich dieser Zusammenhang nicht.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Aktivierung negativer leistungsbezogener Stereotype bei türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, dass sie schlechtere Leistungen erbringen.

Stereotype-Threat-Effekt

Wenn negative Stereotype in bestimmten Leistungssituationen aktiviert werden, kann dies dazu führen, dass Betroffene gerade dadurch signifikant schlechtere Leistungen erbringen. Wenn beispielsweise Schülerinnen und Schüler vor einem Deutschtest ihre Ethnizität angeben sollen, kann dies diejenigen nicht deutscher Herkunft daran erinnern, dass ihre Herkunftsgruppe mit niedrigeren sprachlichen Fähigkeiten in Verbindung gebracht wird. Sie erbringen im Test dann wahrscheinlich schlechtere Leistungen.

Was lässt sich aus diesen Ergebnissen für den Alltag in deutschen Schulklassen ableiten? Negative leistungsbezogene Stereotype verschlechtern die Leistungen von (ethnischen) Minderheiten. Der leistungshemmende Effekt tritt nicht nur dann auf, wenn explizit auf Leistungsdefizite einer bestimmten Gruppe hingewiesen wird, sondern bereits dann, wenn die Leistung in einer Prüfungssituation beurteilt werden soll. Lehrende sollten deshalb vor allem auf zwei Aspekte achten: Erstens sollten sie versuchen, in wichtigen Leistungssituationen keine Stereotype zu aktivieren. Das heißt, dass (ethnische) Gruppen weder positiv noch negativ hervorgehoben werden sollten. Sätze wie: „Asiatische Schülerinnen und Schüler sind gut in Mathematik“ sollten vermieden werden. Stattdessen sollten Lehrende versuchen, den Leistungsdruck abzubauen, indem sie Prüfungssituationen nicht explizit betonen. Sofern demografische Angaben gemacht werden müssen, sollten diese immer erst nach der Testbearbeitung erfasst werden. Zweitens sollte Schülerinnen und Schülern vermittelt werden, dass Intelligenz eine veränderliche Größe ist. Die Botschaft sollte sein: Jeder Mensch kann seine Intelligenz weiterentwickeln und trainieren.

Und: Anstrengung lohnt sich. Denn der Glaube an eine veränderbare Intelligenz schützt Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund vor Leistungseinbußen aufgrund negativer Stereotype.

Weitere Informationen unter
http://www.uni-konstanz.de/fg-erz/