Die Bewältigung des Übergangs Schule - Berufsausbildung bei Migrantinnen und Migranten im Vergleich zu autochthonen Jugendlichen


Deutsches Jugendinstitut e.V.

Forschungsschwerpunkt

Übergänge im Jugendalter

Nockherstr. 2

81541 München

Projektleiterin: Dr. Birgit Reißig

Förderkennzeichen: 01JC1103

Förderbetrag: 298.475 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Die folgenden Forschungsfragen wurden im Projekt bearbeitet:

  • Wie gestalten Jugendliche mit Migrationshintergrund im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund ihre Wege von der Schule in die weitere Bildung und Ausbildung?

  • Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen ethnischer Herkunft, den persönlichen und familiären Ressourcen sowie individuellen Handlungsstrategien?

Der Übergang von der Schule in den Beruf bestimmt den weiteren Lebensweg entscheidend. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind bei diesem Übergang allerdings vergleichsweise weniger erfolgreich: Sie schneiden in der Schule schlechter ab und haben geringere Chancen, eine Ausbildung zu beginnen. Die Ausstattung mit sozialen, kulturellen und ökonomischen Ressourcen erklärt dies nur teilweise. Woran liegt es also, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund sich beim Übergang in die Ausbildung von einheimischen Jugendlichen unterscheiden?

In der qualitativen Längsschnittuntersuchung wurden 180 Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund nach ihrem Haupt- beziehungsweise Realschulabschluss zu ihren Übergangswegen befragt. Die problemzentrierten Interviews wurden zu drei Zeitpunkten zwischen 2012 und 2014 geführt.

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben ein ebenso hohes Interesse wie ihre einheimischen Peers, den Übergang von der Schule in das Berufsleben zu schaffen und verfolgen ähnliche Strategien. Ihre ungünstigeren Verläufe sind nicht mit migrationsspezifischen Einstellungen oder Handlungsweisen erklärbar. Sie unterscheiden sich aber darin, von welchen Akteuren sie auf welche Weise beim Übergang unterstützt werden. Die ersten Ansprechpartner sind für beide Gruppen die Eltern. Allerdings betonen Jugendliche mit Migrationshintergrund den Familienzusammenhalt besonders stark und fühlen sich den elterlichen Vorstellungen stärker verpflichtet als einheimische Jugendliche. Ihnen ist dabei durchaus bewusst, dass ihre Eltern aufgrund der Zuwanderungsgeschichte teilweise unzureichende Kenntnisse vom deutschen (Aus-)Bildungs- und Arbeitssystem haben – auch wenn sie deren Berufsbiografien wertschätzen. Sie lassen sich deshalb von ihren Eltern emotional, organisatorisch und finanziell unterstützen, allerdings weniger bei der konkreten Berufswahl. Eltern mit Migrationshintergrund haben für ihre Kinder hohe Bildungsziele und investieren enorm in deren sozialen Aufstieg. Einheimische Jugendliche sehen ihre Eltern stärker als berufliche Vorbilder und können deren berufliche Erfahrungen und Netzwerke bei der Suche nach Ausbildungsplätzen besser nutzen. Diese Rolle übernehmen bei migrantischen Jugendlichen oft die übergangserfahrenen älteren Geschwister.

Jugendliche mit Migrationshintergrund greifen zur beruflichen Orientierung intensiv auf institutionelle Angebote zurück. Auf institutioneller Seite unterstützen vor allem Lehrkräfte bei Übergängen – besonders wenn die Eltern wenig helfen können. Die Jugendlichen schätzen Lehrerinnen und Lehrer als Berufsberatende und halten sie diesbezüglich für sehr kompetent. Erfolgreich sind die Unterstützungen insbesondere dann, wenn die spezifische Situation und die Interessen der Jugendlichen berücksichtigt werden. Allerdings können Institutionen Handlungsspielräume auch beschränken. Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte nehmen schulische Akteure teilweise auch als „Türschließer“ wahr und berichten zusätzlich von Diskriminierungen durch Lehrkräfte und Betriebe. Diesen Verdacht auf Diskriminierung äußern sie nur sehr bedacht. Generell gehen sie davon aus, dass ihre Leistungen für ihren beruflichen Erfolg entscheidend sind. Erst wenn sie abweichende Erfahrungen machen, ziehen sie Benachteiligungen aufgrund ihres Migrationshintergrunds in Erwägung. Darüber hinaus kennen viele Jugendliche für ihren spezifischen Unterstützungsbedarf keine geeigneten Anlaufstellen und sind mit lokalen Hilfestrukturen kaum vertraut.

Auf welche Weise sich Jugendliche Unterstützung holen, hängt häufig mit ihrem Wissen und ihren bisherigen Erfahrungen beim Übergang zusammen. Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte – vor allem der ersten Generation – fällt es oft schwer zu bewerten, wie kompetent die Akteure sind. Sie beschränken sich deshalb auf vertraute, leicht zugängliche Akteure, um sich sicherer zu fühlen und nicht zu scheitern. Das ist problematisch, weil sie andere, potenziell erfahrenere Akteure dadurch ausklammern und sich möglicherweise zu sehr von der Vorstellung einzelner Personen leiten lassen. Letztlich kann dies dazu führen, dass sich ihre beruflichen Entscheidungen nicht bewähren und es später zu kosten- und zeitintensiven Brüchen kommt.

Jugendliche brauchen leicht zugängliche institutionelle Hilfen vor Ort, auch in nachgelagerten Orientierungsphasen (zum Beispiel nach Abbrüchen). Sie müssen langfristig durch persönliche Ansprechpartnerinnen und -partner unterstützt werden, die ihnen keinen Weg „überstülpen“, sondern ihre biografische Selbstkompetenz stärken und fehlende Ressourcen frühzeitig kompensieren. In die Übergangsberatung sollten außerdem auch die Eltern einbezogen werden. Hierbei sind sprachliche Voraussetzungen zu berücksichtigen und die spezifischen Ressourcen von Migrantenfamilien anzuerkennen und einzubinden. Der Schule kommt die Aufgabe zu, die Jugendlichen auf institutionelle Angebote aufmerksam zu machen.

Nicht zuletzt ist außerdem ein Perspektivwechsel angeraten, auf welche Weise brüchige Übergänge bewertet werden. Sie deuten nicht automatisch auf ein biografisches Scheitern hin, sondern können schlicht auch Ausdruck von zeit- und raumintensiver werdenden Berufsorientierungsprozessen sein.

Weitere Informationen unter
http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=9
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