Bildungsverläufe im Kontext langfristiger sozialer und familialer Dynamiken (Verbundvorhaben)


Teilprojekt A und B

Universität Bremen

Bremen International Graduate

School of Social Sciences (BIGSSS)

Bibliothekstr. 1

28359 Bremen

Verbundkoordinator: Prof. Dr. Olaf Groh-Samberg

Förderkennzeichen: 01JC1115A

Förderbetrag: 366.611 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Universität Hamburg

Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - Fachbereich Sozialökonomie

Arbeitsbereich Soziologie

Welckerstraße 8

20146 Hamburg

Projektleiter: Prof. Dr. Henning Lohmann

Förderkennzeichen: 01JC1115B

Förderbetrag: 42.167 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Folgende Forschungsfragen wurden bearbeitet:

  • Wie hängen soziale und ökonomische Mobilitäten der Eltern mit den Bildungsbiografien ihrer Kinder zusammen?

  • Wie wird der soziale Status in der Familie definiert, gelebt und weitergegeben?

Der soziale Status von Eltern, der sich beispielsweise durch das Einkommen oder die berufliche Position bemisst, prägt die Bildungsverläufe der Kinder. Soziale Positionen sind dabei keineswegs statisch: Durch berufliche Auf- und Abstiege, nachgeholte Bildungsabschlüsse oder Weiterbildungen ist es möglich, dass Personen sozial auf- oder absteigen. Bisherige Forschungsarbeiten zeigen, dass sich Statusänderungen der Eltern nicht unmittelbar auf die Bildungserfolge der Kinder auswirken. Doch haben soziale Auf- und Abstiege wirklich keinen Einfluss? Und auf welche Weise wird der soziale Status in Familien gelebt und weitergegeben? In einer quantitativen Analyse mit Daten des Sozioökomischen Panels (SOEP) wurde zunächst untersucht, wie sich Veränderungen im familialen Status auf den Bildungsverlauf von Kindern auswirken. Dabei wurde auch berücksichtigt, welchen Einfluss „kritische Lebensereignisse“, wie Trennungen, Scheidungen oder elterliche Arbeitslosigkeit, haben. Anschließend wurde in 44 qualitativen Einzelinterviews mit jungen Erwachsenen und ihren Eltern beleuchtet, wie der soziale Status von Eltern weitergegeben wird und welche Wünsche sie diesbezüglich für ihre Kinder haben.

Die Befunde zeigen, dass sich der soziale Status von Familien – gemessen am Einkommen – deutlich verändern kann. Wenn das Einkommen in Familien zu- oder abnimmt, wirkt sich dies nur schwach auf die Bildungserfolge der Kinder aus. Sofern sich Auswirkungen ergeben, sind diese teilweise überraschend: Verdienen Familien aus unteren Einkommensklassen beispielsweise über den Zeitverlauf mehr, dann verschlechtern sich ihre Kinder in der Schule eher. Hier würde man erwarten, dass sich familiäre Einkommenszuwächse positiv auf den Bildungserfolg auswirken. Generell lässt sich der Bildungserfolg der Kinder jedoch besser voraussagen, wenn man das Durchschnittseinkommen über einen längeren Zeitraum betrachtet. Wenngleich sich also Einkommensänderungen in einigen Fällen auf den Bildungserfolg niederschlagen, hat das über die Zeit gemittelte Einkommensniveau eine deutlich größere Wirkung.

Kritische Lebensereignisse wirken sich hingegen durchaus auf den Bildungsverlauf der Kinder aus. Phasen der Arbeitslosigkeit des Vaters führen zu schlechteren Schulleistungen, auch wenn die Kinder bereits die Sekundarstufe besuchen. Dieser Zusammenhang ist nur teilweise auf Bildungs- und Einkommensunterschiede der Arbeitslosen gegenüber anderen Gruppen zurückzuführen. Interessanterweise hat die Arbeitslosigkeit von Müttern hingegen keinen Einfluss.

Erste Ergebnisse der qualitativen Interviews zeigen, dass der familiäre soziale Status auf vielfältige Weisen weitergegeben wird. Erstens vermitteln Eltern ihn durch Aktivitäten mit ihren Kindern, indem sie beispielsweise gemeinsam musizieren oder handwerken. Zweitens geben Eltern ihren Status weiter, indem sie ihn reflektieren und ihren Kindern ausdrücklich kommunizieren. Drittens greifen Eltern direkt in die Entscheidungen und Handlungen der Kinder ein, um deren Statusentwicklung zu beeinflussen. Und viertens übertragen sie eigene, nicht erreichte Statuswünsche auf ihre Nachkömmlinge.

Eltern verfolgen darüber hinaus unterschiedliche bewusste oder unbewusste Ziele bezüglich der sozialen Position ihrer Kinder. Konkret lassen diese sich unter den Schlagwörtern „Reproduktionsaufträge“, „Mobilitätsaufträge“ und „Auftragsdiffusion“ voneinander abgrenzen. Reproduktionsaufträge liegen vor, wenn die Kinder den sozialen Status der Eltern reproduzieren sollen. Mobilitätsaufträge zielen darauf, dass die Kinder eine höhere soziale Position als ihre Eltern erreichen. Und Auftragsdiffusion beschreibt Situationen, in denen die Erwartungen der Eltern nicht mit ihren Handlungen übereinstimmen. Es steht noch aus zu untersuchen, ob und inwiefern diese verschiedenen Wünsche und Erwartungen kennzeichnend für bestimmte Lebenssituationen oder soziale Schichten sind.

Das Projekt beruhte auf der Annahme, dass Statusänderungen in Familien sich auf die Bildungsprozesse der Kinder auswirken. Hierfür fanden sich keine eindeutigen Hinweise, denn der soziale Status ist eher träge. Insgesamt bestätigten sich damit die Befunde bisheriger Forschungsergebnisse: Der soziale Status kann sich zwar über die Generationen hinweg verändern. Allerdings werden Veränderungen in der Regel nicht kurzfristig von singulären Ereignissen hervorgerufen, sondern hängen von längerfristig stabilen Rahmenbedingungen ab.

Weitere Informationen unter
http://www.bigsss-bremen.de/
Projekthomepage (Teilprojekt A)
Projekthomepage (Teilprojekt B)