Erfolgreiche und nicht-erfolgreiche Bildungsverläufe junger Männer aus italienischen Migrantenfamilien – Transmission und Transformation in adoleszenten Generationenbeziehungen


Universität Hamburg

Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft

Fachbereich Erziehungswissenschaft

Edmund-Siemers-Allee 1

20146 Hamburg

Projektleiterin: Prof. Dr. Vera King

Förderkennzeichen: 01JC1106

Förderbetrag: 251.516 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Die Forschungsfragen im Vorhaben lauteten:

  • Wie wirkt sich die Migrationsgeschichte italienischer Familien auf die Generationenbeziehungen aus und inwiefern beeinflusst sie die Entwicklung und die Bildungsverläufe der Söhne ?

  • Lassen sich dabei Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung der Söhne und ihren Bildungsverläufen erkennen?

Um hierauf Antworten zu finden, wurden 63 biografisch-narrative Interviews mit 28 jungen Männern zwischen 18 und 27 Jahren mit italienischem Migrationshintergrund geführt. Zusätzlich wurden ihre  Eltern in 35 Interviews befragt. Die interviewten Söhne unterschieden sich hinsichtlich ihres formalen Bildungserfolgs: Etwa die Hälfte hatte Abitur oder einen vergleichbaren Bildungsabschluss, die andere Hälfte nicht.

Zwischen der Generationenbeziehung, der Entwicklung der Jugendlichen und den Bildungsverläufen zeigen sich Zusammenhänge. Dabei lassen sich sechs verschiedene Familientypen abgrenzen:

Familien vom Typus 1 „Orientierungslosigkeit“ leben in sozial benachteiligten Verhältnissen und zeichnen sich durch brüchige Familienbeziehungen aus. Die Söhne lösen sich kaum vom Elternhaus ab, entwickeln keine stabile Persönlichkeit und sind orientierungslos. Ihre Bildungswege verlaufen oftmals wenig erfolgreich.

Bei Typus 2 „Kompensatorische Perfektionierung“ erlitten die Eltern durch ihre Migration Statusverluste. Den Söhnen gelingt die Ablösung von den Eltern nur begrenzt. Allerdings erzielen sie hohe Bildungserfolge und realisieren – im Auftrag der Familie – die unverwirklichten Aufstiegswünsche.

Die Eltern des Typus 3 „Trennungsvermeidung“ erlebten durch die Migration schmerzhafte Trennungen von ihrer Herkunftsfamilie und ihrem sozialen Umfeld. Dies führt dazu, dass ihre Söhne sich nicht vom engen familialen Zusammenhalt lösen können. In der Folge leidet ihre persönliche Entwicklung. Und je nach örtlichen Gegebenheiten sind auch ihre Bildungsprozesse beeinträchtigt.

In Familien vom Typus 4 „Fragile Männlichkeit“ sind die Söhne eng an die Väter gebunden, die unter der migrationsbedingten Entwertung ihrer Position leiden. Innerhalb der Familie wird die Kränkung nicht aufgearbeitet, sondern tabuisiert. Die enge Bindung und Identifikation mit der väterlichen Kränkung beschränkt sowohl die Entwicklung als auch die Bildungserfolge der Söhne.

Bei Typus 5 „Bewältigung von Strukturmängeln“ handelt es sich um Familien mit geringen ökonomischen Ressourcen, die großen Wert auf ihre familialen Beziehungen legen. Die Eltern unterstützen ihre Söhne bei Bildungs- und Berufsfragen wenig, was sich negativ auf ihre Bildungserfolge auswirkt. Allerdings gelingt es den Söhnen während des Erwachsenwerdens, sich von familialen Mustern zu lösen und die eigene berufliche und soziale Position zu festigen.

In Typus 6 „Anverwandlung“ gehen die Familien offen mit ihrer Migrationsgeschichte um. Deshalb können die Söhne ihren Migrationshintergrund reflektieren und verarbeiten. Sie schneiden im Bildungssystem erfolgreich ab und orientieren sich an den Erwartungen der Eltern, die sie jedoch mit ihren eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen abstimmen.

Generationenbeziehungen, Entwicklungen im Zuge des Erwachsenwerdens und Bildungsverläufe wirken demnach auf unterschiedliche Weisen zusammen. Wie Familien ihre Migrationsgeschichte verarbeiten und die damit verbundenen Herausforderungen meistern, beeinflusst die Generationenbeziehungen. Gleichzeitig prägen die Generationenbeziehungen, wie sich die Söhne zwischen ihrer Kindheit und dem Erwachsenenalter entwickeln, welche Lebensentwürfe sie verfolgen und welche Bildungsentscheidungen sie treffen. Diese Entwicklungen werden auch als adoleszente Transformationen bezeichnet. Sie beschreiben das Erwachsenwerden von Kindern und die Art und Weise, wie sich das Eltern-Kind-Verhältnis dadurch verändert. Bei einer geringen adoleszenten Transformation lösen sich die Jugendlichen wenig von ihren Eltern ab und übernehmen deren Einstellungen weitgehend. Eine ausgeprägte adoleszente Transformation zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass die Kinder ihren Eltern als selbstständige Individuen mit eigenen Vorstellungen gegenüberstehen, aber dennoch in gutem Kontakt mit ihnen sind.

Migrationserfahrungen sind herausfordernd und teilweise belastend. Typische, mit Migration einhergehende Belastungen sind beispielsweise Trennungen, erlebte Ausgrenzung oder berufliche Entwertung im Einwanderungsland. Auf welche Weise sie verarbeitet werden, wirkt sich bei Familien mit italienischem Migrationshintergrund stärker auf die Generationenbeziehungen aus als sogenannte kulturelle Eigenheiten. Auch die Bildungsverläufe und Entwicklungen der Söhne sind entsprechend weniger von kulturellen Mustern beeinflusst, sondern eher davon, wie die migrationsspezifischen Erfahrungen in der Familie verarbeitet werden.

Diese Befunde sind vor allem für die Elternarbeit, die Jugendarbeit und die Schulsozialarbeit relevant. Sie dienen beispielsweise dazu, Beratungsangebote passgenau auf Familien und Jugendliche mit Migrationshintergrund zuzuschneiden. Außerdem sind sie hilfreich, um Lehrerfortbildungen zu entwickeln, in denen es darum geht, das pädagogische Personal für migrationsspezifische Herausforderungen und Belastungen zu sensibilisieren.

Weitere Informationen unter
https://www.ew.uni-hamburg.de/