Chancengerechtigkeit in der Sekundarstufe - Chan.ge


Bergische Universität Wuppertal

Institut für Bildungsforschung in der School of Education

Gaußstr. 20

42119 Wuppertal

Projektleiterin: Prof. Dr. Claudia Schuchart

Förderkennzeichen: 01JC1109

Förderbetrag: 407.810 EUR

Laufzeit: 01.02.2012–31.01.2015


Folgende Forschungsfragen wurden gestellt:

  • Wie entwickeln sich Studienabsichten von Schülerinnen und Schülern unter verschiedenen institutionellen  Bedingungen?

  • Wie wirkt sich eine gezielte Beratung und Begleitung auf leistungsstarke Schülerinnen und Schüler mit unsicherer Studierneigung aus?

Die Vorgehensweise des Projektes gliederte sich in zwei Teile: Um die Studienabsichten in unterschiedlichen institutionellen Umgebungen zu analysieren, wurden im Befragungsteil Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte an Berufskollegs (Berufliche Gymnasien, Berufsfachschulen/Fachoberschulen der Fachrichtungen Wirtschaft, Technik und Soziales) und an Gesamtschulen, die zur Fachhochschulreife beziehungsweise  Hochschulreife führen, wiederholt befragt. Im Beratungsteil wurden leistungsstarke Schülerinnen und Schüler ausgewählt, die sich durch eine unsichere Studierneigung auszeichneten und von geschulten Lehrkräften beraten wurden. Ziel war es zu überprüfen, inwieweit Jugendliche durch Beratungsmaßnahmen angeregt und unterstützt werden können, eine Studienabsicht zu entwickeln. Die Aufgabe der Beratenden bestand darin, die Bildungsabsicht – idealerweise die Studienabsicht – der Schülerinnen und Schüler zu formieren und zu festigen, indem sie dazu angeregt wurden, sich aktiv mit ihren Zielen, Überzeugungen und ihrem Selbst- und Fähigkeitskonzept auseinanderzusetzen. Dafür waren zwei Sitzungen vorgesehen. In einer dritten Sitzung wurde mit den Schülerinnen und Schülern weiterhin ein detaillierter Handlungsplan erarbeitet, der auf die Umsetzung der Absicht zielte.

In zweijährigen beruflichen Bildungsgängen steigern insbesondere zwei Schülergruppen ihre Bildungsabsichten: Zum einen sind es Kinder von Eltern, die höchstens einen Hauptschulabschluss erzielt haben, und zum anderen Kinder von Eltern mit (Fach-)Hochschulreife. Zweijährige Bildungsgänge an Berufskollegs werden also nicht nur von Jugendlichen aus privilegierten, sondern auch von jenen aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen genutzt, um die Berechtigung für ein Hochschulstudium zu erwerben.

Die erhöhten Studienabsichten erklären sich durch verschiedene Faktoren. Erstens bewerten die Jugendlichen einen sicheren Arbeitsplatz, Aufstiegsmöglichkeiten und einen erfüllenden Beruf höher als vorher. Zweitens ändert sich ihre Kontrollwahrnehmung: Sie korrigieren beispielsweise ihre eigene Leistungseinschätzung und bewerten die Finanzierbarkeit und die Dauer eines Studiums anders als zuvor.

Von Beratungen profitieren insbesondere Jugendliche, deren Eltern niedrige Schulabschlüsse  aufweisen. Wenn sie persönlich betreut werden, stabilisiert dies ihre Studienabsichten. Andere Beratungsformate – wie schriftliche Anregungen zur Reflexion oder Informationsmaterialien – begünstigen ihre Absichten zu studieren hingegen nicht. Deutlich wirkungsvoller ist es, wenn Beratungslehrerinnen und -lehrer mit den Jugendlichen im persönlichen Kontakt sind.

Besonders wichtig sind Beratungsleistungen also für diejenigen, die von ihrem sozialen Umfeld bei Bildungsüberlegungen und -entscheidungen wenig unterstützt werden. Interessanterweise wurden  die Studienabsichten von Schülerinnen und Schülern aus Elternhäusern mit (Fach-)Hochschulreife eher gemindert. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass sie sich möglicherweise durch die Beratung von den Bildungswünschen ihrer Eltern stärker emanzipieren konnten. Dieser Effekt zeigte sich für die Beratung mit schriftlichen Materialien nicht.

Diese Ergebnisse sind für die Praxis von großer Bedeutung. Zunächst ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler bei ihren Studienüberlegungen persönlich beraten werden. Eine Beratung ausschließlich durch Flyer oder andere schriftliche Materialien ist wenig effektiv. Darüber hinaus sind bestimmte Vorgehensweisen bei der Beratung besonders wirksam: Um Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu unterstützen, sollten Beratende sie anregen, über vier Themen nachzudenken. Erstens sollten die Jugendlichen ihre Erwartungen an ein Studium und dessen Nutzen bewusst reflektieren. Zweitens sollten sie sich vor Augen führen, welche Einstellungen ihr soziales Umfeld hinsichtlich eines Studiums hat. Drittens sollten Probleme, die potenziell auftreten können, thematisiert werden. Und viertens sollten die Beratenden aktiv unterstützen, dass die Jugendlichen ihre Entscheidungen umsetzen. Wichtig ist es demnach, die subjektiven Erwartungen und Bewertungen – insbesondere die Einstellungen und die Problemwahrnehmungen der Schülerinnen und Schüler – einzubeziehen. Im Rahmen des Projekts wurde dafür ein Instrument entwickelt, das die angeführten Aspekte aufgreift und für die Beratung genutzt werden kann.