Evaluation des dialogischen Lesens zur Sprachförderung bei Migrantenkindern


Justus-Liebig-Universität Gießen

FB 06 - Psychologie und Sportwissenschaft

Otto-Behagel-Straße 10, Haus F

35394 Gießen

Projektleiter: Prof. Dr. Marco Ennemoser

Förderkennzeichen: 01GJ0901

Förderbetrag: 342.828,54 EUR

Laufzeit: 01.04.2009–30.06.2012


Evaluationsstudien zur vorschulischen Sprachförderung kommen hierzulande übereinstimmend zu ernüchternden Befunden. Eine Fördermaßnahme, die sich in zahlreichen internationalen Studien empirisch bewährt hat, ist das dialogische Lesen. In Deutschland wurden die Potenziale dieser Fördermethode bislang nicht systematisch im Sinne eines eigenständigen Förderansatzes evaluiert. So bleibt noch unklar, inwiefern auch sprachförderbedürftige Vorschulkinder im Rahmen einer institutionellen Kleingruppenförderung von dieser Fördermaßnahme profitieren können.

Ziel des Vorhabens war es, sprachförderliche Potenziale des dialogischen Lesens im Rahmen einer institutionellen Kleingruppenförderung (Risikokinder mit und ohne deutsche Herkunftssprache) im letzten Kindergartenjahr zu evaluieren. Dabei sollte untersucht werden, auf welche Bereiche der Sprachkompetenz sich die Maßnahme gegebenenfalls auswirkt und inwiefern etwaige Fördererfolge langfristig stabil sind bzw. auf den späteren Schriftspracherwerb in der Schule transferiert werden können. Zudem sollte die Wirksamkeit des Verfahrens mit der von strukturierten Förderprogrammen kontrastiert werden, die auf die Stimulation bestimmter Sprachbereiche abzielen (phonologische Bewusstheit, Grammatik). Eine Ausgangsstichprobe von 660 Vorschulkindern wurde zur Ermittlung des Risikostatus einem standardisierten Sprachscreening unterzogen. Die als förderbedürftig eingestuften 231 Kinder wurden in einem Prä-Post-Follow-up-Design per Zufall auf folgende vier Untersuchungsgruppen verteilt: (1) Grammatiktraining, (2) Training der phonologischen Bewusstheit, (3), dialogisches Lesen, (4) Kontrollgruppe. Die Förderung fand im letzten Kindergartenjahr statt. Auf der Grundlage von Video- und Audioaufzeichnungen wurde die Durchführungsqualität der Maßnahmen bewertet. Zur Überprüfung kurz- und langfristiger Fördereffekte wurde die sprachliche Kompetenzentwicklung der Kinder bis zum Ende der 1. Klasse verfolgt.

Unmittelbar nach der Förderung konnten für jede Trainingsgruppe spezifische Effekte registriert werden. Erwartungsgemäß führte das Training der phonologischen Bewusstheit zu substanziell größeren Leistungszuwächsen in diesem Bereich. Das Grammatiktraining ging mit signifikanten Vorteilen in Morphologie und Syntax einher. Für das dialogische Lesen ergaben sich insbesondere im Sprachverständnis bedeutsame Fördereffekte, die allerdings maßgeblich von der Durchführungsqualität beeinflusst wurden. Vier Monate nach Abschluss der Intervention konnten die registrierten Fördererfolge sowie der erhoffte Transfer auf den Schriftspracherwerb statistisch nicht mehr abgesichert werden. Die Befunde sind grundsätzlich ermutigend. Sie legen jedoch eine Erhöhung des Förderumfanges sowie eine gezielte Optimierung der Durchführungsqualität nahe.