Bildungssprachliche Kompetenzen (BiSpra): Anforderungen, Sprachverarbeitung und Diagnostik (Verbundvorhaben):


Verbundpartner:

Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Fakultät Humanwissenschaften

Institut für Psychologie - Lehrstuhl Psychologie I: Entwicklung und Lernen

Markusplatz 3

96045 Bamberg

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Sabine Weinert

Förderkennzeichen: 01GJ0975

Förderbetrag: 304.815,65 EUR

Laufzeit: 01.07.2009–31.12.2012


Freie Universität Berlin

Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie

Habelschwerdter Allee 45

14195 Berlin

Projektleiterin: Prof. Dr. Petra Stanat

Förderkennzeichen: 01GJ0976

Förderbetrag: 199.063,53 EUR

Laufzeit: 01.08.2009–31.12.2012


Universität Hamburg

Institut für Germanistik I

Von-Melle-Park 6

20146 Hamburg

Projektleiterin: Prof. Dr. Angelika Redder

Förderkennzeichen: 01GJ0977

Förderbetrag: 368.671,70 EUR

Laufzeit: 01.07.2009–31.01.2013


Als wichtige Voraussetzung für schulischen Erfolg gilt die Beherrschung der sogenannten Bildungssprache. Im Unterschied zur Alltagssprache zeichnet sich Bildungssprache unter anderem durch einen semantisch anspruchsvolleren Wortschatz und die Verwendung komplexerer grammatischer Strukturen sowie differenzierterer Sprechhandlungen, Diskurs- und Textarten aus. So gelten beispielsweise Erklärungen, Erläuterungen und Instruktionen sowie ein spezifischer, oft abstrakter Wortschatz und der Gebrauch von unpersönlichen Konstruktionen wie Passiv und Reflexiv, von handlungsfernen Nominalisierungen und komplexeren Nebensatzfolgen als typisch bildungssprachlich. Eine vollständige und empirisch begründete Beschreibung bildungssprachlicher Merkmale steht für das Deutsche allerdings noch aus.

Es wird angenommen, dass der Erwerb der Bildungssprache vor allem für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und/oder aus bildungsfernen Familien eine besondere Herausforderung darstellt. Bislang ist jedoch weitgehend ungeklärt, über welche schulrelevanten sprachlichen Kompetenzen Grundschulkinder unterschiedlicher sprachlicher und sozialer Herkunft verfügen, da dazu im deutschen Sprachraum kaum empirische Daten vorliegen.

Das Vorhaben verfolgt folgende zentrale Ziele: Zum einen sollen bildungssprachliche Anforderungen im authentischen Unterricht beschrieben, linguistisch sowie mit Blick auf bildungssprachliche Merkmale analysiert werden. Zum anderen wird experimentell geprüft, welche bildungssprachlichen Merkmale Kindern mit Migrationshintergrund und/oder aus bildungsfernen Familien besondere Schwierigkeiten bereiten. Hierauf aufbauend bzw. in Rückkopplung dazu soll ein Verfahren zur Einschätzung der bildungsbezogenen sprachlichen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern entwickelt werden.

Im Teilprojekt Psychologie/Erziehungswissenschaft wurden Aufgaben entwickelt, die auf das Verständnis derjenigen sprachlichen Merkmale abzielen, die in der Literatur als Charakteristika der Bildungssprache diskutiert werden. Um die Bedeutung unterschiedlicher lexikalischer und grammatischer Anforderungen für das Textverständnis von Schülerinnen und Schülern zu überprüfen, wurden Hörverstehensaufgaben entwickelt und erprobt, die sich in der Schwierigkeit des Wortschatzes und der Komplexität der Grammatik systematisch unterscheiden. Zudem wurden Aufgaben konzipiert und erprobt, die zur Erfassung des Verständnisses von Konnektoren dienen. Alle neu entwickelten Aufgaben wurden im Rahmen einer Haupterhebung von rund 1200 Schülern der zweiten und dritten Klassenstufe bearbeitet. Ferner wurden wichtige Vorarbeiten zur Erfassung von allgemein bildungssprachlichem Wortschatz geleistet.

Im Teilprojekt Linguistik wurden für die Jahrgangsstufen 4 und 5 bildungssprachliche Anforderungen in naturwissenschaftlichen Unterrichtseinheiten videografiert und analysiert. Auf dieser Basis nebst Auswertung der verwendeten Unterrichtsmaterialien wurden erstmals evidenzbasierte Testitems zur Erfassung rezeptiver bildungssprachlicher Fähigkeiten entwickelt und erfolgreich erprobt. Experimentelle Einzelerhebungen produktiv-mündlicher Fähigkeiten dienten ergänzend der Entwicklung eines linguistischen Kompetenzgitters zur Interrelation semantischer und pragmatischer Qualifikationen, hier exemplifiziert an bildungssprachlichen Verben und Substantiven und an funktionalen Beschreibungen, Erklärungen, Instruktionen.

Die Befunde des Teilprojekts Psychologie/Erziehungswissenschaft zeigen erwartungsgemäß, dass Kinder nicht deutscher Herkunftssprache im Hörverstehen – bezogen auf das Deutsche – schlechtere Leistungen erzielen als Kinder deutscher Herkunftssprache. Dies gilt für Texte mit anspruchsvollem Wortschatz und Grammatik, aber auch – in vergleichbarem Ausmaß – für einfacher formulierte Texte, die zugleich für alle Kinder vergleichsweise leichter zu verstehen sind. Es sind aber nicht nur Kinder mit nicht deutschem Sprachhintergrund, sondern insbesondere auch Kinder aus sozial schwächeren Familien, die – unabhängig vom Sprachhintergrund – Einschränkungen beim Hörverstehen aufweisen.

Die Items des Teilprojekts Linguistik haben sich als reliabel erwiesen und Analysen lassen eine bildungssprachliche Differenz von Kindern mit Migrationshintergrund und mit sozial schwächerer Herkunft zu den anderen erkennen. Die Verbalisierung von Handlungsabläufen variiert in der Abstraktionsstufe und der semantischen Differenziertheit, wobei ein breites Spektrum an Präfix- und Partikelverben bei semantisch basalem Stamm gebildet wird. Das Kompetenzgitter dokumentiert, wie diese Produktivität durch differenziertere Illokutionen stimuliert wird. Fallanalysen bestätigen die breite produktive Fähigkeit am Übergang zur Sekundarstufe I mit Tendenz zum Ausgleich beider Qualifikationen.

In der zweiten Projektlaufzeit wird auf Basis der entwickelten Aufgaben ein Instrument zur Erfassung des textbezogenen Hörverstehens zusammengestellt und gemeinsam mit weiteren Aufgaben (Konnektorenverständnis, bildungssprachlicher Wortschatz) validiert.