Sprachverarbeitung bei türkischen Kindern mit Deutsch als Zweitsprache. Neurophysiologische und sprachwissenschaftliche Untersuchungen


Universität Konstanz

Geisteswissenschaftliche Sektion

Fachbereich Sprachwissenschaft

Universitätsstraße 10

78464 Konstanz

Projektleiterin: Dr. Tanja Rinker

Förderkennzeichen: 01GJ0978

Förderbetrag: 165.452,20 EUR

Laufzeit: 01.07.2009–31.03.2012


Türkischstämmige Kinder haben eine geringere Bildungsbeteiligung als andere Bevölkerungsgruppen mit nicht deutscher Herkunft. Viele Kinder kommen mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen in die Schule. Um türkische Kinder mit Deutsch als Zweitsprache besser fördern zu können, sind Untersuchungen des Spracherwerbs mit einer detaillierten Erfassung des familiären sprachlichen und soziodemografischen Hintergrunds notwendig. Der Einsatz neurowissenschaftlicher Methoden ermöglicht ein besseres Verständnis der Spracherwerbsprozesse.

Ziel der vorliegenden Studie war es, den Spracherwerb, insbesondere den Grammatikerwerb, bei einsprachig deutschen und türkisch-deutsch aufwachsenden Kindern zwischen fünf und acht Jahren zu untersuchen. Hierfür wurden neurophysiologische und behaviorale Untersuchungsmethoden sowie in Schulen und Praxen übliche Sprachstandserhebungsverfahren eingesetzt. Der Plural wurde hier exemplarisch als grammatische Struktur gewählt, da dieser sich zwischen dem Deutschen und dem Türkischen in seiner Regelhaftigkeit und somit seiner Erwerbsschwierigkeit unterscheidet. Diese Struktur wurde mittels EEG-Experimenten untersucht. Die umfangreiche Sprachtestung erfasste die Sprachkenntnisse der Kinder im Deutschen und im Türkischen. Da Kinder verschiedener Altersgruppen untersucht wurden, können so Aussagen zu unterschiedlichen neurokognitiven Entwicklungsphasen des deutschen Grammatikerwerbs, insbesondere auch im Alter des Übergangs Kindergarten – Grundschule, gemacht werden. Des Weiteren wurden anamnestische, soziodemografische und sprachliche Hintergrundinformationen im Rahmen einer Elternbefragung erhoben, die Rückschlüsse auf die sprachliche familiäre Situation etc. zulassen und diese in einen Zusammenhang zu den sprachlichen Daten bringen lassen.

Türkisch-deutsche Kinder zeigen insgesamt eine schwächere neuronale Reaktion auf die Verletzungen der Grammatik (Plural) als einsprachig deutsche Kinder; diese wird aber mit dem Alter besser. In der Gesamtschau der Ergebnisse zeigt sich, dass eine Veränderung im Alter zwischen 5 bis 6 und 7 bis 8 Jahren eintritt, möglicherweise durch den Schuleintritt bedingt. Während die Kindergartenkinder noch mehr dem Türkischen zugewandt sind, erhält das Deutsche zunehmend mehr Gewicht und die sprachlichen Leistungen werden besser. Auf der Ebene der produktiven Leistungen benötigen die Kinder aber weiterhin Unterstützung in Form von sprachfördernden Maßnahmen. Eine große Rolle spielt auch der Sprachgebrauch der Eltern. Die Erkenntnisse können in der Elternberatung oder bei der Entwicklung von Sprachfördermaßnahmen genutzt werden.