Diagnose und Förderung von Teilkomponenten der Schreibkompetenz (Verbundvorhaben)


Verbundpartner:

Leibniz Universität Hannover

Institut für Pädagogische Psychologie

Schloßwender Straße 1

30159 Hannover

Verbundkoordinator: Prof. Dr. Joachim Grabowski

Förderkennzeichen: 01GJ0979

Förderbetrag: 148.195,74 EUR

Laufzeit: 01.07.2009–30.09.2012


Universität zu Köln

Philosophische Fakultät

Institut für deutsche Sprache und Literatur II

Gronewaldstraße 2

50931 Köln

Projektleiter: Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek

Förderkennzeichen: 01GJ0980

Förderbetrag: 167.250,60 EUR

Laufzeit: 01.07.2009–30.06.2012


Schreibkompetenz ist eine komplexe Fähigkeit, an der sehr unterschiedliche kognitive, sprachliche, motivationale und affektive Komponenten beteiligt sind. Sie bildet eine Schlüsselkompetenz für Bildungserfolg, Lebensbewältigung und Kulturteilhabe. Eine umfassende, empirisch gestützte und zugleich für die Bildungspraxis relevante Untersuchung der Beschaffenheit dieses Fähigkeitsbereichs erfordert eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit. Aus sprachdidaktischer Sicht wurden die Entwicklung und der Erwerb von Schreibkompetenz bislang weitgehend textsortenspezifisch beschrieben, also vor allem in Bezug auf die schultypischen Aufsatzarten (von erzählenden über informierende - also beschreibende, berichtende und instruierende - zu argumentativen Texten). Aus linguistischer und kognitionspsychologischer Sicht sind an der Produktion aller Textsorten zugleich bestimmte unverzichtbare Teilkomponenten wie Adressatenorientierung oder Globalstrukturierung (roter Faden) beteiligt. Die traditionelle, an Textsorten orientierte Schreibdidaktik hat wenig Erkenntnisse über die beteiligten Teilkomponenten oder Prädiktoren (Einflussfaktoren auf die resultierende Textqualität) erbracht, sodass ungeklärt ist, ob es solche textsortenübergreifenden Teilfähigkeiten bzw. Komponenten gibt, ob sich diese gegebenenfalls auch isoliert vermitteln lassen und in welchem Umfang Transferleistungen erwartbar sind. Falls sich die Ausgangsannahmen empirisch bestätigen lassen, könnten beispielsweise Lernende mit sprachlichem Migrationshintergrund in kognitiven und vorsprachlichen Fähigkeitsbereichen schon zur Schreibkompetenz hin gefördert werden, auch wenn die Beherrschung der Zielsprache noch im Aufbau begriffen ist. Aber auch generell würden wirksame textsortenübergreifende Prädiktoren der Schreibkompetenz neue schriftsprachdidaktische Möglichkeiten mit sich bringen.

 

Im Zentrum des Vorhabens steht der Versuch, solche textsortenübergreifenden Teilkomponenten zu identifizieren, die (a) linguistisch und/oder sprach- und kognitionspsychologisch begründbar sind, (b) mit der Qualität von Textprodukten korrelieren und (c) eine gezielte schreibdidaktische Förderung erlauben. Damit geht auch eine theoretische Bestimmung von Schreibkompetenz einher. Wichtig ist dabei, die mutmaßlich relevanten Teilkomponenten der Schreibkompetenz unabhängig von ihrer Indikation durch Eigenschaften der resultierenden Textprodukte zu bestimmen, um nicht zirkuläre Vorhersagen und Zusammenhänge zu gewinnen. Es werden beispielhaft drei Teilkomponenten untersucht, von denen sich annehmen lässt, dass sie bei den meisten Schreibprozessen zentral wirksam sind:

  • a) die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme (als Voraussetzung der Adressatenorientierung von Texten). Hier lassen sich drei Fähigkeitsfacetten unterscheiden (kognitive, räumliche und affektive Perspektivenübernahme), deren individuelle Ausprägung durch die Reaktionsgeschwindigkeit bei einschlägigen Aufgaben erhoben wird;
  • b) die Verwendung eines differenzierten, inhaltlich angemessenen Wortschatzes. Hierzu liegen normierte Testverfahren vor;
  • c) das Herstellen von Kohärenz durch Einsatz entsprechender kohäsiver Mittel. Dazu wurden mehrere Aufgabentypen und Verfahren neu entwickelt.

Hinzu kommen Maße allgemeiner sprachlicher und intellektueller Leistungsfähigkeit, die sich auf alle Fähigkeitsbereiche auswirken; um deren Einfluss können die für die Schreibkompetenz spezifischen Zusammenhänge korrigiert werden. Es wird untersucht, ob sich für die genannten Komponenten am Ein- und Ausgang der Sekundarstufe I (5. und 9. Klassenstufe) in verschiedenen Schularten (Hauptschule, Realschule und Gymnasium) Zusammenhangsmuster mit den zentralen Textsorten des Berichtens, Instruierens und Argumentierens zeigen. Auch für die Erhebung der Texte wurden Aufgaben entwickelt. Beantwortet werden soll auf diese Weise auch die Frage nach der Transferierbarkeit von Teilfähigkeiten über Textsorten hinweg. Die Projektstandorte Hannover und Köln arbeiten in allen Phasen des Vorhabens eng zusammen.

Es liegen kontrollierte Datensätze von 277 Schülerinnen und Schülern vor. Bei etwa der Hälfte der untersuchten Stichprobe besteht ein sprachlicher Migrationshintergrund. Es treten nicht nur die erwartbaren Entwicklungsunterschiede auf (Neuntklässler sind generell besser als Fünftklässler); auch bilden sich die Schulzuweisungen sehr deutlich ab (Gymnasium, Realschule, Hauptschule). Die objektive und reliable Beurteilung der Qualität von Texten erweist sich erwartungsgemäß als problematisch; hier konnten jedoch robuste Beurteilungsaggregate entwickelt werden, in die holistische Globalurteile, Kompetenzstufenmaße und detaillierte linguistisch-analytische Bewertungen eingehen. Die Fähigkeitsbereiche der Perspektivenübernahme und der Kohärenzherstellung lassen sich über die zugehörigen Aufgaben hinweg als wechselseitig unabhängige Variablencluster auffassen, welche die Textqualität aller drei untersuchten Textsorten auch dann noch in statistisch bedeutsamem Ausmaß vorhersagen (durch multiple Regressionsanalysen), wenn man um die allgemeinen sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten bereinigt. Demgegenüber muss der individuelle Wortschatz eher als eine sprachliche Voraussetzung denn als Mediator der Schreibkompetenz aufgefasst werden. In den neunten Klassen fallen die Zusammenhänge generell stärker aus als in den fünften Klassen. Damit erweist sich der in einem Folgeprojekt unternommene Interventionsversuch als begründet, Perspektivenübernahme und Kohärenzherstellung ins Zentrum didaktischer Bemühungen zu stellen, um über Textsorten hinweg relevante Teilfähigkeiten der Schreibkompetenz zu fördern.