Ein Screening-Verfahren zur flächendeckenden Erfassung des Sprachstandes vier- bis viereinhalbjähriger Kinder. Optimierung, Validierung, Erweiterung, elektrophysiologische Fundierung


Ruhr-Universität Bochum

Medizinische Fakultät und Klinikum

Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Kopf- und Halschirugie

Bleichstraße 15

44787 Bochum

Projektleiterin: Prof. Dr. Katrin Neumann

Förderkennzeichen: 01GJ0982

Förderbetrag: 438.995,89 EUR

Laufzeit: 01.07.2009–30.06.2012


Die in vielen Bundesländern angewendeten Sprachstandserfassungen in Kindergärten zielen auf eine Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten zur Einschulung und des Lese-Rechtschreib-Erwerbs in der Schulzeit ab. Sie sollten zwischen normaler Sprachentwicklung, Sprachauffälligkeiten, die einer Sprachförderung bedürfen, und therapiebedürftigen Sprachentwicklungsstörungen unterscheiden. Zudem können auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen den Laut- und Schriftspracherwerb beeinträchtigen und sollten ebenfalls während Sprachstandsscreenings erfasst werden.

Das für Hessen entwickelte Kindersprachscreening KiSS für 4- bis 4 ½-Jährige unterscheidet zwischen (a) normaler Sprachentwicklung sowie (b) förder- und (c) therapiebedürftigen Sprachauffälligkeiten. Wie auch andere Sprachstandsscreenings identifiziert es zwar zuverlässig Sprachauffälligkeiten, unterscheidet aber unzureichend zwischen den Gruppen (b) und (c). Die Studie sollte einerseits nach hirnphysiologisch basierten Unterscheidungskriterien zwischen den o. g. Gruppen suchen. Andererseits sollten Auffälligkeiten der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung aufgefunden und ihr Anteil in den einzelnen Gruppen bestimmt werden. Dazu wurde zunächst ein Test entwickelt und an 293 4- und 5-Jährigen validiert und normiert, der die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung mit sprachfreien und sprachhaltigen Stimuli testet. Anschließend wurden 60 Kinder im Alter von 4 bis 5 Jahren (je 20 pro Gruppe) abhängig von ihrem sprachlichen Entwicklungsstand, wie er zunächst mit dem KiSS vorerhoben und durch umfassende Sprachtests bestätigt wurde, den Gruppen zugeordnet. Sie wurden zuerst mit dem Test und anschließend hinsichtlich der hirnphysiologischen Entsprechungen der Verarbeitung derselben Stimuli durch die Messung ereigniskorrelierter Potenziale (EEG-Wellen, die u. a. mit Sprach- und Hörverarbeitungs- sowie Aufmerksamkeitsprozessen zusammenhängen) untersucht.

Der als Memory-Spiel angelegte Test der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung misst ausreichend zuverlässig Basisfunktionen der zentralen auditiven und Sprachverarbeitung ab dem Alter von 4 Jahren. Er differenziert in einigen Untertests (Unterscheidung minimaler Tonhöhenunterschiede und stimmhafter sowie stimmloser Konsonanten) zwischen sprachauffälligen und sprachunauffälligen Kindern. Er könnte zusätzlich zu Sprachstandsscreenings eingesetzt werden, um Störungen der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung früh zu identifizieren und entsprechende Interventionen einzuleiten. Bisherige Ergebnisse der Messung bewusstseinsunabhängiger ereigniskorrelierter Potenziale weisen auf Lateralisierungs- und Verarbeitungsstörungen sprachlicher und nicht sprachlicher zerebraler Prozesse bei sprachförder- bzw. therapiebedürftigen Kindern hin.