Transfer-Dialog Folge 4: Lesekompetenz und Leseförderung in der Grundschule

Gute Leseförderung gelingt nur gemeinsam

Kinder, die mit Büchern und Geschichten aufwachsen, lernen selbst besser Lesen, haben mehr Spaß am Lesen und meistern ihren Bildungsweg erfolgreicher. Lesen ist die Grundlage für gute Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Eine explizite Leseförderung findet in Deutschland vorwiegend in der Grundschule statt, während die Lesekompetenz in weiterführenden Schulen meist als gegeben vorausgesetzt wird. In der Schule ist Lesen eine fächerübergreifende Schlüsselkompetenz.

Die Kernaussagen des Transfer-Dialogs "Lesekompetenz und Leseförderung in der Grundschule"

Im 20-Jahre-Trend zeigen die Ergebnisse der IGLU-Studie 2021 einen deutlichen Rückgang der mittleren Lesekompetenz in Deutschland und einen Anstieg der Leistungsstreuung. Rund ein Viertel der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland verfügt nach internationalem Standard über unzureichende Lesekompetenzen (Kompetenzstufe III) für einen erfolgreichen Übergang vom „Lesen lernen“ zum „Lesen um zu lernen“.

Besonders betroffen sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Kinder, die zu Hause manchmal oder nie die Testsprache sprechen. Diese Kompetenzunterschiede sind in Deutschland im internationalen Vergleich stark ausgeprägt.

Welche konkreten Impulse aus der Forschung können Schulen dabei setzen, die Leseförderung zu verbessern?

Diagnostik:

  • Die IGLU-Ergebnisse zeigen, dass Lehrkräfte eher selten systematische Verfahren der Lesediagnostik durchführen.
     
  • Hier kann die Forschung Instrumente bereitstellen, um basale Lesefähigkeiten, Wortschatz und weitere Lesekompetenzen zu erfassen. Darauf kann dann passgenaue und zielgerichtete Förderung aufbauen.
     
  • Diagnostik sollte für die Lehrkräfte nur wenig Aufwand erzeugen und eine schnelle und intuitiv verstehbare Ergebnisrückmeldung beinhalten.
     
  • Diagnostik hat einen Effekt auf der Systemebene: Schulübergreifende Auswertungen könnten aufzeigen, wo Leistungseinbrüche auftauchen und in welchem Zeitraum sie wieder aufgeholt werden. Darüber hinaus kann Diagnostik bei Leistungssteigerungen auch die Motivation von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrenden fördern. 
     
  • Die Mehrsprachigkeit sollte mehr in die Diagnostik einbezogen werden, da sie sonst nicht als Ressource genutzt wird.

Förderung:

  • Die Ergebnisse von IGLU 2021 zeigen, dass Deutschland im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich viel Unterrichtszeit für die Leseförderung aufwendet (141 statt 200 Minuten pro Woche).
     
  • Leseförderung braucht viel Unterrichtszeit, damit die Automatisierung von Leseprozessen gelingt.
     
  • Die Förderung von phonologischer Bewusstheit, silbenbasiertem Lesen, lautem Lesen und strategiebasiertem Umgang mit Texten sind wirksamste Förderansätze. Gute Leserinnen und Leser lesen viel, aber das allein ist kein wirksamer Förderansatz.
     
  • Leseförderprinzipien müssen in greifbares Unterrichtshandeln übersetzt werden. Dazu braucht es konkrete Programme und Materialien, die gebrauchsfertig illustrieren, was sich in Interventionsstudien als wirksam erwiesen hat.

Was ist der Schlüssel für gelingenden Transfer? Wie sollten Forschung, Verwaltung und Praxis zusammenarbeiten?

  • Transfer ist keine Übergabe, sondern ein gemeinsamer Prozess. Die gesicherte Evidenz in der Leseförderung muss deshalb in Zusammenarbeit von Wissenschaft in Praxis in Materialien und Fortbildungsangebote übertragen werden.
     
  • Das wissenschaftliche Konzept in die Praxis umzusetzen ist ein Prozess, der oft unterschätzt wird. Es ist nicht schwierig, einzelne Lehrkräfte und einzelne Schulen grundsätzlich davon zu überzeugen, Veränderung umzusetzen. Es ist aber sehr wohl schwierig, dies in der Masse zu erreichen. Dafür müssen Prozesse vereinfacht werden, die Konzepttreue aber gewahrt bleiben. Es muss klar sein, was nicht verändert werden darf, damit die Wirkung weiterhin bestehen bleibt.
  • Die Schulaufsicht ist ein zentraler Akteur. Sie spricht Empfehlungen an die Schulen aus und hat eine Art Filterfunktion, um die Schulen zu beraten. Die Schulen benötigen diese Hilfe, um zu unterscheiden, von welchen Projekten sie individuell profitieren können und von welchen nicht.

Digitalisierung:

  • Neue digitale Anwendungen sollten erst dann in die schulische Praxis überführt werden, wenn ihre Wirksamkeit überprüft ist. Hier fehlt noch die Selbstverständlichkeit, evidenzbasierte Konzepte einzufordern.
     
  • Die Wirksamkeit von Förderprogrammen hängt maßgeblich davon ab, wie sie eingesetzt werden. Methoden und Konzepte müssen passend zum Entwicklungsstand des Kindes eingesetzt werden.

Was ist an den Übergängen wichtig, damit Leseförderung gut gelingt?

  • Ein Lese-Curriculum mit den Stufen 0 bis Klasse 10 könnte viel dazu beitragen, Kinder auf die Anforderungen in der Grundschule und weiterführenden Schule vorzubereiten.
     
  • Am Übergang von der Kita in die Grundschule sind die Bereiche Wortschatz, Grammatik und phonologisches Bewusstheit notwendig für eine Weiterentwicklung von Kompetenzen.
     
  • Idealerweise würden relevante Informationen an den Übergängen Kita-Grundschule und Grundschule-weiterführende Schule auch weitergegeben. Fehlen diese Informationen, muss wieder neu und aufwändig in das Diagnosesystem eingestiegen werden.
     
  • Informationen und Aufklärungsarbeit zur Weitergabe diagnostischer Informationen sind wichtig, um Eltern sinnvoll in die Prozesse einzubinden und Vorbehalte abzubauen. 
     
  • Um spezifisch fördern zu können, muss zwischen Leseförderbedarf und Sprachförderbedarf in anderen Bereichen (beispielsweise Deutsch als Zweitsprache, Schreiben, Grammatik) differenziert werden. Die Entwicklung von Lesekompetenzen erfolgt stufenweise. Ohne Lesegenauigkeit erreicht das Kind keine Automatisierung im Leseprozess. Und ohne Automatisierung im Leseprozess erreicht das Kind kein Leseverständnis. Besonders in den Übergangssituationen ist es wichtig, Anschlusspunkte zu finden und Prozesse zu begleiten, um einen Schereneffekt nicht weiter zu verstärken. 
     

Engagement aus der Zivilgesellschaft/10 goldene Regeln für die Leseförderung

  • Die Zivilgesellschaft hat Ressourcen für die Leseförderung, der Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen ist für Interessierte dennoch schwierig. Fundamentale didaktische Prinzipien der Leseförderung, beispielsweise für ehrenamtlich tätige Lesepatinnen und Lesepaten übersichtlich zusammenzustellen, wäre sinnvoll.
     
  • Für mehr Engagament in der Zivilgesellschaft fehlt die direkte Ansprache an ehrenamtliche Lesepatinnen und Lesepaten und das Angebot von Fortbildungen oder Anleitungen, beispielsweise in Form von „10 goldene Regeln“ für die Leseförderung.

Weiterführende Informationen für ehrenamtliches Engagement im Bereich Lesen:

https://www.stiftunglesen.de/mitmachen/ehrenamtliches-engagement-fuers-lesen

Mentoren (mentor-bundesverband.de)