Bildungsbarrieren erfolgreich abbauen

Das Team des Metavorhabens aus dem neuen BMBF-Forschungsschwerpunkt „Abbau von Bildungsbarrieren“ erklärt im Interview, wie Forschung dazu beitragen kann, Kindern und Jugendlichen einen gerechteren Zugang zu Bildung zu ermöglichen. 

Team des Metavorhabens im Podcast

BMBF

Interview mit dem Metavorhaben des neuen Forschungsschwerpunkts "Abbau von Bildungsbarrieren"

Jeder fünfte Fünfzehnjährige hat Probleme damit, einen Text richtig zu verstehen. Betroffen sind vor allem Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Das sagen aktuelle Studien. Denn ob Kinder und Jugendliche ihren Bildungsweg erfolgreich gehen, hängt in Deutschland noch immer stark von ihrem sozialen Hintergrund ab. Was man dagegen tun kann, werden die 13 Projekte des neuen BMBF-Forschungsschwerpunkts „Abbau von Bildungsbarrieren“ in den nächsten fünf Jahren erforschen. Wie die Zusammenarbeit in einem Forschungsschwerpunkt funktioniert, beantwortet das Team des Metavorhabens, Prof. Dr. Kai Maaz vom DIPF – dem Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Dr. Susanne Kuger vom Deutschen Jugendinstitut und Dr. Anika Duveneck von der FU Berlin.

Hier geht`s zur Audio-Version des Interviews im BMBF-Podcast.

Sie leiten das sogenannte Metavorhaben zum neuen Forschungsschwerpunkt gemeinsam. Was sind ihre zentralen Aufgaben und Ziele?

Prof. Dr. Kai Maaz: Die zentrale Aufgabe des „Metavorhabens zum Abbau von Bildungsbarrieren“ wird es sein, die einzelnen Forschungsprojekte darin zu unterstützen, ihre Forschungsziele zu erreichen, sie zusammenzubringen, Synergien zu erzeugen und den Transfer in unterschiedlichste Bereiche der Gesellschaft zu stärken. Letztendlich ist es so, dass Wissenschaft in allen Bereichen ja nicht ausschließlich im stillen Kämmerlein funktioniert. Wissenschaft ist Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Perspektiven – sie lebt vom Diskursiven, von einer diskursiven Kultur. Der Dialog der Forschenden ist folglich für den wissenschaftlichen Diskurs und die Weiterentwicklung von Fragestellungen und Methoden von einer grundsätzlichen Bedeutung. Und das gilt umso mehr in dieser Förderlinie, die es ja zum Ziel hat, Wissen für einen Veränderungsprozess zu generieren, nämlich den Abbau von Bildungsbarrieren.

Mit die wichtigste Aufgabe ist es also, die Projekte miteinander ins Gespräch zu bringen und auch mit der Bildungspraxis zu vernetzen. Wie machen Sie das konkret?

Dr. Susanne Kuger: Genau da schließen auch die drei von Herrn Maaz schon identifizierten Ziele des Metavorhabens an. Wir beraten, wir bündeln das Wissen, das in den einzelnen Forschungsvorhaben generiert wird, auch das schon vorhandene Wissen, und regen mit unseren Aktivitäten genau diesen Austausch zwischen den Projekten an.

Dr. Anika Duveneck: Dazu kommt ja noch, dass die Zusammenarbeit mit der Praxis in der Förderrichtlinie und das Thema Transfer noch relativ junge Felder in der Wissenschaft sind. Eine gezielte Förderung ist in dem Bereich natürlich besonders sinnvoll. Andererseits generiert der Austausch von Erfahrungen, der im Rahmen des Metavorhabens stattfindet, auch für diese beiden Felder neues Wissen. Das wollen wir als Metavorhaben natürlich erfassen und sinnvoll aufbereiten.

Und dieses Wissen brauchen wir ganz dringend. Denn Bildungsgerechtigkeit und der Abbau von Bildungsbarrieren sind ja sehr aktuelle und gesellschaftlich wie medial präsente Themen. Welchen Beitrag können und wollen Sie als Forschende leisten, um den Zugang zu Bildung zu verbessern?

Prof. Dr. Kai Maaz: Es ist zwar nicht die ausschließliche Aufgabe des Metavorhabens, genau diese Leistung zu erbringen, aber ein Metavorhaben kann dazu beitragen. Denn es geht ja eher darum, die Mechanismen zu identifizieren, die dafür verantwortlich sind, dass diese Ungleichheiten entstehen und an denen dann letztendlich Maßnahmen ansetzen können. Und auf der anderen Seite ist es wichtig, vorhandenes Wissen aus der Forschung auch noch zielgerichteter in der Praxis zu implementieren. Wir haben also an einigen Stellen gar kein Erkenntnisproblem, sondern Umsetzungsprobleme in der Praxis. Hier kann eine solche Förderlinie ansetzen. Ein Metavorhaben hat seine Leistung dann darin, die unterschiedlichen Perspektiven, die die 13 Projekte einnehmen werden, zu systematisieren und dann in den größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen.

Und das ist sicher gar nicht so einfach – denn wie Sie schon sagen, es gibt da ganz viele Perspektiven: Die Projekte untersuchen verschiedene inhaltliche Aspekte zum Thema „Abbau von Bildungsbarrieren“ und decken eine große thematische und auch methodische Bandbreite ab. Wie werden Sie das innerhalb Ihres Verbunds aufgreifen?

Dr. Susanne Kuger: Tatsächlich betrachten wir dabei ganz unterschiedliche Bereiche der verschiedenen Projekte in der Förderlinie. Wir betrachten einerseits die verschiedenen Altersstufen der von Bildungsbarrieren betroffenen Menschen – Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene –, nehmen andererseits aber auch die verschiedenen Bildungsbereiche, Bildungsphasen in den Blick. Wir werden untersuchen, mit welchen Methoden und Forschungsparadigmen auch die einzelnen Forschungsprojekte arbeiten und wie sie selbst in den Transfer gehen. Wenn man das zunächst relativ vorurteilsfrei aufnimmt, dann systematisiert und sichtet, kann so eine gute Landschaft gezeichnet werden, wie das Feld im Moment aufgestellt ist. Man sieht möglicherweise sogar darüber hinaus, wo derzeit noch zu wenig Forschung existiert und kann diese Lücken auch noch identifizieren, damit zukünftig hier noch mehr investiert werden kann, um sie zu schließen.

Ein wichtiges Ziel der Projekte ist ein erfolgreicher und vor allem nachhaltiger Transfer ihrer Ergebnisse in die Praxis. Wie wird das Metavorhaben Sie dabei unterstützen?

Dr. Anika Duveneck: Im Bereich Transfer oder vielleicht sogar mit dem Bereich Transfer bietet uns der Forschungsschwerpunkt eine wirklich einmalige Chance, die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis, aber auch die Zusammenarbeit von verschiedenen Akteursgruppen, die in den Projekten beteiligt sind, gezielt zum Gegenstand zu machen. Diese Chance wollen wir für eine Bestandsaufnahme in diesem Feld nutzen, um die vorhandenen Kenntnisse systematisch weiterzuentwickeln und Transfer- und Kooperationsprojekte mit den jeweiligen Schwerpunkten zu begleiten. Abschließend wollen wir im Bereich Transfer eigene innovative Formate entwickeln, um die Ergebnisse an die verschiedenen Zielgruppen in der Praxis, in der Politik und in der Verwaltung zu vermitteln.

Haben Sie da ein Beispiel?

Dr. Anika Duveneck: Wir wissen, das klassische Transferformate, wie zum Beispiel Berichte, nur ganz schwer in der Praxis zu rezipieren sind. Die Praxis hat einen hohen Druck, einen hohen Zeitdruck. Die Akteure freuen sich enorm über wissenschaftliche Ergebnisse, aber oft kommen sie gar nicht dazu, diese zu rezipieren. Wir wollen daher Formen entwickeln, die wissenschaftliche Kenntnisse in praktische Formate einpflanzen. Das können Konzepte für Fachtage, Arbeitstools oder Argumentationshilfen sein. Hier bringen wir ein bisschen was an Erfahrung mit. Es ist aber auch unser Anliegen, das im Rahmen dieser Förderrichtlinie mit den Projekten gemeinsam weiterzuentwickeln.

Und gibt es auch schon konkrete Pläne, um die Projekte untereinander zu vernetzen?

Prof. Dr. Kai Maaz: Der Vernetzungsgedanke ist sicherlich einer der Kerngedanken solcher Metavorhaben. Ein ganz zentraler Punkt wird es sein, dass wir beginnend mit dem Jahr 2022 dann für drei Jahre jährliche Nachwuchsakademien durchführen werden, in denen die Promovierenden ihre Forschungsarbeiten und ihre Dissertationsprojekte vorstellen, um gemeinsam mit Expertinnen und Experten zu diskutieren. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, um auch über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und sich nicht nur Unterstützung aus dem Projektkontext oder dem Kontext der Förderlinie zu holen, sondern eben auch darüber hinaus.

Frau Kuger, Frau Duveneck wie unterstützen Sie die Projekte konkret?

Dr. Susanne Kuger: Die Projekte müssen im Nachgang die von ihnen erarbeiteten Forschungsdaten alle für die Nachnutzung freigeben. Das ist seit einigen Jahren üblich bei Projekten, die vom BMBF oder von anderen Drittmittelgebern gefördert werden. Das ist ein Teil der Open Access- oder Open Science-Strategie, die in Deutschland gefahren wird. Kleine Projekte sind mit den Formalitäten, die damit einhergehen, zuweilen nicht so erfahren. Das bedeutet, wir haben im Projekt auch eine Schiene, die dabei unterstützt, wie ein Datenmanagement-Konzept geschrieben wird, wie Datenschutz bei Befragungen von vielleicht auch sensiblen Themen abläuft oder wie man die Daten von vorneherein so aufsetzen kann, dass sie für die Nachnutzung unmittelbar an ein Forschungsdatenzentrum übergeben werden können. Hier verfügen wir am DIPF und am DJI über ausreichend Expertise und können diese auch sehr gut bereitstellen, in Form von Workshop-Angeboten, aber auch mit niedrigschwelliger Telefon-Support-Beratung.

Dr. Anika Duveneck: Noch eine Ergänzung aus dem Bereich Transfer, da ist ja die Zusammenarbeit besonders zentral und der Name sozusagen Programm. Wir werden mit den Workshops einen Rahmen für den Austausch zum Thema Zusammenarbeit und Transfer schaffen. Hier können ExpertInnen dann ihre Erfahrungen und Erkenntnisse einbringen und teilen – hier begegnen sich dann sozusagen die Form und der Inhalt zum Thema Zusammenarbeit.

Was uns direkt zur nächsten Frage führt, da bei Ihnen ja eigentlich alle Projekte als Wissenschafts-Praxis-Kooperation angelegt sind. Es ist ja noch nicht so lange üblich, dass die Bildungspraktikerinnen und -praktiker von vornherein involviert sind in die Projekte. Können Sie vielleicht darauf eingehen, wie sich die Forschungsarbeit dadurch verändert.

Prof. Dr. Kai Maaz: Forschung als Wissenschafts-Praxiskooperation ist eine relativ neue Perspektive für die Wissenschaft und für die Praxis. In der Tat gibt es hier viele Punkte, die neu sind und die auch einen neuen Mehrwert entstehen lassen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch ein paar Gefahren, die man an dieser Stelle beachten muss. Denn Forschung als Wissenschafts-Praxis-Kooperation fordert sowohl Wissenschaft als auch Praxis heraus. Unter anderem, weil sie zum Teil mit weitgehend bekannten und etablierten Strategien der Forschung bewusst bricht. Die Forschenden kommen nicht mehr in die Schule beispielsweise mit fertigen Konzepten, implementieren ein Treatment, erheben Daten, analysieren diese und publizieren dann in den entsprechenden Fachzeitschriften. Wissenschaft und Praxis wollen sich ja gerade auf Augenhöhe begegnen und tragen aus ihrer jeweils spezifischen Perspektive auf den Gegenstand zum Gelingen bei. Dieser ko-konstruktive Ansatz ist sehr voraussetzungsvoll, denn nicht nur gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung sind die Voraussetzung, sondern wirklich neue Formen der Zusammenarbeit. In der Wissenschaft geht eine solche Perspektive neue Wege, die nämlich nicht mehr ausschließlich der Honorierungslogik des Wissenschaftssystems folgt, in der nach wie vor die Publikationen in den begutachteten Zeitschriften die zentrale Währung ist. Wenn wir aber Forschung für die Praxis als Wissenschafts-Praxis-Kooperation weiterentwickeln wollen, dann brauchen wir auch eine Diskussion über neue Anerkennungslogiken für diejenigen, die genau diese Forschung machen wollen. Letztendlich – wenn wir das jetzt in die Zukunft denken – könnten sich hier auch neue Berufsfelder entwickeln für ein neues Wissenschaftsverständnis.

Wie verhält sich das in den Projekten, die Sie betreuen? Sind sich alle einig, dass es in diese Richtung gehen soll oder ist auch hier noch ein aktiver Weg zu gehen als Metavorhaben?

Dr. Susanne Kuger: Anders ist ja der Abbau von Bildungsbarrieren auch nicht zu denken, außer in einer großen Mischung von Interdisziplinarität von pädagogisch-psychologischer, erziehungswissenschaftlicher Bildungsforschung, Sozialforschung und Forschung aus der Kinder- und Jugendhilfe kommend. Auf Forschungsseite ist dies schon eine große Bandbreite, die es auf Praxis-Kooperations-Akteursseite zu spiegeln gilt. Wenn wir nicht alle mit ins Boot holen, dann werden wir die Bildungsbarrieren, von denen wir schon lange wissen und die wir auch noch weiter erforschen müssen, mit Sicherheit nicht angreifen können oder gar erfolgreich beiseite räumen können.

Prof. Dr. Kai Maaz: Was man viele Jahrzehnte gemacht hat und immer noch ein bisschen sehen kann: es wird an den Stellen interveniert, an denen die Ungleichheiten sichtbar werden. Hier lässt sich im Prinzip schon vorhersagen, dass diese Projekte nicht erfolgreich werden können. Wir wissen ja, dass die Entstehungsmechanismen durchaus vielschichtig sind und zeitlich versetzt greifen. Was wir aber auch brauchen, ist eine Verständigung auf bestimmte Ziele, die wir mit diesen einzelnen Vorhaben auch verbinden. Wie können wir also den Abbau von Bildungsbarrieren auch empirisch messbar machen? Es darf nicht sein, dass wir nachher für jedes Projekt einzeln definierte Zieldimensionen haben, sie müssen an einem bestimmten Punkt auch generalisierbar sein. Ansonsten wird es schwierig, auch aus solchen Einzelvorhaben oder Verbundvorhaben Schlussfolgerungen für die Implementation von Maßnahmen zu ziehen, die dann wirklich in der Fläche zur Wirkung kommen sollen. Es gibt gerade wohl keine bessere Zeit, um diese Förderlinie zu starten. Der Abbau von Bildungsungleichheiten und der Abbau von Kompetenzarmut sind meines Erachtens die zentralen Baustellen, die wir jetzt in den Blick nehmen müssen, um das Bildungssystem weiterzuentwickeln. Und das nicht nur auf den Schulbereich bezogen, sondern ganz bewusst nach vorne gedacht in den vorschulischen Sektor und nach hinten geschaut in die nachschulischen Bildungsbereiche.

Info: Der Forschungsschwerpunkt „Abbau von Bildungsbarrieren“ ist Teil des BMBF- Rahmenprogramms empirische Bildungsforschung, das unser Bildungssystem mithilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen nachhaltig verbessern will. Hier finden Sie weitere Informationen zum Forschungsschwerpunkt.