Genetische und neurokognitive Einflussfaktoren der Lesefertigkeit: Bestimmung des “Individual Reading-Associated Genetic Score“ (1. Phase, Verbundvorhaben)


Verbundpartner:

Freie Universität Berlin

Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie

Allgemeine Psychologie

Habelschwerdter Allee 45

14195 Berlin

Verbundkoordinator: Prof. Dr. Arthur Jacobs

Förderkennzeichen: 01 GJ 1010A

Förderbetrag: 346.490 EUR

Laufzeit: 01.11.2010 – 30.06.2014


Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Lentzeallee 94

14195 Berlin

Projektleiter: Prof. Dr. Ulman Lindenberger

Förderkennzeichen: 01 GJ 1010B

Förderbetrag: 102.631 EUR

Laufzeit: 01.11.2010 – 31.10.2013


Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Ihnestraße 63-73

14195 Berlin

Projektleiter: Dr. Lars Bertram

Förderkennzeichen: 01 GJ 1010C

Förderbetrag: 46.519 EUR

Laufzeit: 01.11.2010 – 31.10.2013


Lesen als eine der größten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation und eine der größten Lernleistungen des menschlichen Gehirns stellt die Forschung vor ein gewisses Paradox: Gut lesenden Erwachsenen erscheint diese für den Arbeits- und Freizeitalltag oft unentbehrliche mentale Tätigkeit fast als zur natürlichen Ausstattung gehörend, die man spielend leicht erlernen und ausüben kann. Andererseits schafft eine steigende Anzahl von Kindern und Jugendlichen es trotz mühevollen, jahrelangen Trainings in Schule und Alltag nicht, diese Fertigkeit hinreichend zu erwerben. Lesestörungen sind die häufigsten und am stärksten genetisch bedingten Entwicklungsprobleme der Kindheit, und sie können beträchtliche Auswirkungen auf den weiteren Lebenslauf haben. Wenn es gelingt, die Rolle der genetischen Faktoren zu klären, die den vererbbaren Anteil individueller Unterschiede – im Wechselspiel mit Umweltfaktoren – vermitteln, so könnte die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Lernproblemen noch vor der Einschulung bestimmt und dementsprechend frühe und Erfolg versprechende psychopädagogische und medizinische Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Dies gilt insbesondere für Störungen im Bereich des Lesens, Schreibens und Rechnens, für die eine erfolgreiche individuelle, ursachenbezogene Diagnostik und evidenzbasierte Förderung sich nur aus empirischen Studien ableiten lässt, die sowohl die genetischen als auch die neuronalen, behavioralen und soziokulturellen Wirkfaktoren angemessen berücksichtigen. Die moderne Lese- und Dyslexieforschung hat in den vergangenen Jahren erkannt, dass ein umfassendes Verständnis der Lesefertigkeit und ihrer multikausalen Störungen nur im multimethodalen Verbund zu erreichen ist, der die neurogenetischen, neurokognitiven und behavioralen Komponenten mit soziokulturellen Aspekten des Leseprozesses integriert.

Erfolgreiches Lesen beruht auf dem Zusammenspiel mehrerer komplexer Prozesse, wie Muster- und Buchstabenerkennung, dem Integrieren einzelner Buchstaben zu größeren lexikalischen Einheiten und dem Zuordnen dieser Buchstabengruppen zu bestimmten Lauten, Ganzworterkennung sowie morphosyntaktischer, semantischer und globaler Textverständnisprozesse. Während in bildgebenden Studien bereits Netzwerke von Hirnregionen identifiziert wurden, in denen sich mehrere dieser Subprozesse gemeinsam abbilden, scheinen andere Hirnregionen subprozessspezifisch zu sein. Da jedoch meist Gruppenanalysen im Fokus der Untersuchungen stehen, ist über das Zusammenspiel der Prozesse und Hirnregionen auf individueller Ebene relativ wenig bekannt. Wie die genetische Ausstattung individuelle Gehirn- und Verhaltensprozesse beim Lesen beeinflusst, ist ebenfalls weitgehend unerforscht. Durch die Kombination verhaltens- und neurogenetischer Daten sollten im Rahmen dieses Projektes behaviorale, genetische und neuronale Einflussfaktoren auf den normalen Leseprozess ermittelt werden. Ziel war es, ein umfassendes kognitiv-neurobiologisches Lesemodell zu entwickeln, das eben diese Faktoren berücksichtigt und als solide Basis für eine individuelle, ursachenbezogene und maßnahmenorientierte Diagnostik dienen konnte.

Mittels einer Testbatterie, die die Erfassung der globalen sowie subprozessspezifischen Lesefertigkeit ermöglichte, wurden zunächst die individuellen Leseprofile von 2.200 erwachsenen Probanden und Probandinnen erstellt. In einem zweiten Schritt erfolgte die Genotypisierung dieser Probanden und Probandinnen, d. h. ihr genetischer Fingerabdruck wurde bestimmt und in Beziehung zu den individuellen Leseprofilen gesetzt, um leserelevante Genvariationen zu ermitteln. Anschließend wurde ein Lesescore (IRAGS) berechnet, dessen Wert die individuelle leserelevante genetische Ausprägung abbildet. In der Folge wurde anhand einer unabhängigen Stichprobe durch den Einsatz bildgebender Verfahren (fMRI) überprüft, welche systematischen Zusammenhänge es zwischen Hirnaktivierungsmustern und dem IRAGS gab. Im Fall einer Bestätigung und folgenden Validierung des IRAG-Scores sollte die experimentelle Übertragung der Ergebnisse auf Kinder erfolgen. Letztendlich sollten die Ergebnisse des Projektes die Grundlagen bilden für ein umfassenderes Verständnis der Lesefertigkeit und für eine neue, auf dem „imaging genetics“-Ansatz fußende, ursachenbezogene Diagnostik und Behandlung von Lesestörungen, die auf individuellen Fertigkeitsprofilen basieren.

Weitere Informationen unter:
2. Phase des Projektes
http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/allgpsy/index.html https://www.mpib-berlin.mpg.de/de
http://www.molgen.mpg.de/