Zur Bedeutung des Diskrepanzkriteriums zur Intelligenz für die Definition der Rechenstörung (2. Phase)


Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Fakultät I - Bildungs- und Sozialwissenschaften

Institut für Pädagogik

Ammerländer Heerstraße 114-118

26111 Oldenburg

Projektleiter: Prof. Dr. Dietmar Grube

Förderkennzeichen: 01 GJ 1405

Förderbetrag: 463.200 EUR

Laufzeit: 01.08.2014 – 31.03.2020


Die „Rechenstörung“ ist eine Diagnose für Kinder mit beträchtlichen Rechenschwierigkeiten, die auf eine hypothetische „biologische Fehlfunktion“ zurückgeführt werden. Diagnostische Leitlinien sehen vor, die Diagnose nur dann zu vergeben, wenn das Niveau der Intelligenz deutlich höher liegt als das Niveau der Rechenleistung (Niveau jeweils nach Altersnormen bestimmt). Mit diesem sogenannten Diskrepanzkriterium soll sichergestellt werden, dass ein niedrigeres Intelligenzniveau nicht die Ursache für die niedrige Rechenleistung ist. Obwohl das Kriterium der Diskrepanz zur Intelligenz bereits häufig kritisiert worden ist, liegen bislang nur wenige empirische Studien zu seiner Relevanz vor. Um die Angemessenheit des Diskrepanzkriteriums zu überprüfen, wird im vorliegenden Projekt untersucht, welche besonderen Merkmale der Rechenstörung sich mit der Diskrepanz zur Intelligenz ergeben. Im Vordergrund stehen dabei basale Rechenfertigkeiten, die Komponenten des Arbeitsgedächtnisses und die Sensibilität für Trainingsmaßnahmen. Neue computergestützte Methoden zur Diagnostik und zum Training grundlegender Rechenfertigkeiten werden entwickelt und in ihrer Wirksamkeit geprüft.

In Kontinuität zur früheren ersten Phase des vorliegenden Projekts wird das Versuchsdesign mit Schülern und Schülerinnen ab dem dritten Schuljahr weitergeführt, in dem zwei Gruppen mit niedriger Rechenleistungen und zwei Gruppen mit mindestens durchschnittlicher Rechenleistung untersucht werden. Jeweils eine der zwei Gruppen umfasst Kinder mit niedrigerer Intelligenz, die andere Kinder mit durchschnittlicher Intelligenz (bei niedriger Rechenleistung mit Diskrepanz). Um die Persistenz von Rechenschwierigkeiten weiter zu explorieren, werden die Merkmale der Kinder einer früheren Kohorte im Längsschnitt weiter untersucht. Bei neu rekrutierten Gruppen von Drittklässlern und Drittklässlerinnen (gemäß dem oben genannten Design) wird ein computergestütztes Trainingsprogramm zu basalen Rechenfertigkeiten eingesetzt, um die differentiellen Wirkungen zu untersuchen.

Die Untersuchung der Sinnhaftigkeit des Diskrepanzkriteriums zur Intelligenz für die Rechenstörung liefert wertvolle empirische Argumente für die aktuelle Diskussion um die Definition der Rechenstörung und die daraus resultierenden Prinzipien der Diagnostik. Die spezifischen Analysen einzelner Merkmale liefern Anhaltspunkte zur Identifikation der Kernproblematik einer Rechenstörung und für die Weiterentwicklung spezifischer Förderdiagnostik. Sollte sich eine Revision der Diagnosekategorie ‚Rechenstörung’ als sinnvoll erweisen, so kann dies zur Einführung von Fördermaßnahmen für einen höheren Prozentsatz an Schülern und Schülerinnen führen – eine Konsequenz, die dem Aufforderungscharakter empirischer Befunde (z. B. aus der IGLU-Studie) zur Quote von Kindern mit Defiziten im Bereich des Rechnens entgegenkommt. Die Entwicklung des Trainingsprogramms zum basalen Rechnen kann als Grundlage für die Entwicklung eines umfassenderen computerbasierten adaptiven Trainingsprogramms zum Rechnen genutzt werden, das später an Schulen systematisch eingesetzt werden kann. Der Wert der Ergebnisse der vorliegenden Studie ist unabhängig von einer potentiellen Revision der Konzeption der Rechenstörung.

Weitere Informationen unter:
1. Phase des Projekts
http://www.uni-oldenburg.de/paedagogik/