Die Rolle schulbezogener sozialer Netzwerke für Abiturleistung und Berufswahl einer sozial und ethnisch heterogenen Schülerschaft


Universität Bremen

Fachbereich 07 Wirtschaftswissenschaft

Zentrum für Regional- und Innovationsökonomik

Bibliothekstr. 1

28359 Bremen

Projektleiter: Dr. Dirk Fornahl

Förderkennzeichen: 01JC1110

Förderbetrag: 359.395 EUR

Laufzeit: 01.10.2011–30.09.2014


Folgende Forschungsfragen wurden bearbeitet:

  • Wie setzen sich Freundschafts­, Lern­ und Austauschnetzwerke in der gymnasialen Oberstufe zusammen?
  • Wie wirken diese Netzwerke auf die Schulleistung und auf die Berufswahl?

Um diesen Fragen nachzugehen, wurden Freundschafts-, Lern- und berufliche Austauschnetzwerke von 2.100 Schülerinnen und Schülern kurz vor dem Abitur analysiert. Die Netzwerkdaten wurden durch quantitative Befragungen an 15 Gymnasien in Niedersachsen, Bremen und Hamburg erhoben. Etwa ein gutes halbes Jahr nach dem Abschluss wurden in qualitativen Nachbefragungen die Abschlussnoten und Ausbildungsentscheidungen erfragt.

Wie sich Freundschaften in der gymnasialen Oberstufe bilden, wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Zunächst entstehen häufiger gleichgeschlechtliche als zwischengeschlechtliche Freundschaften. Außerdem spielt der ethnische Hintergrund eine Rolle: Ethnisch homogene Freundschaften treten häufiger auf als ethnisch gemischte. Demgegenüber hat der soziale Hintergrund der Schülerinnen und Schüler keinen Einfluss auf Freundschaftskonstellationen. Weder der Bildungsabschluss noch der Erwerbsstatus der Eltern wirken sich auf die Freundschaften ihrer Kinder aus.

Lernnetzwerke entstehen unter ähnlichen Bedingungen wie Freundschaftsnetzwerke. Auch hier schließen sich eher gleichgeschlechtliche Jugendliche und Jugendliche mit dem gleichen ethnischen Hintergrund zusammen. Ob zusammen gelernt wird oder nicht, hängt jedoch entscheidend davon ab, ob die Lernpartnerinnen und Lernpartner miteinander befreundet sind. Eine freundschaftliche Beziehung ist für das gemeinsame Lernen wichtiger als das Leistungsniveau.

Freundschafts- und Lernnetzwerke bilden sich demnach selektiv. Die Untersuchung zeigt außerdem, dass befreundete Schülerinnen und Schüler oftmals ähnlich erfolgreich in der Schule sind. Das heißt, wer leistungsstarke Freunde hat, erzielt im Durchschnitt selbst auch bessere Ergebnisse.

Kurz vor dem Abitur findet ein reger Austausch über die berufliche Zukunft statt. Auch die Netzwerke, in denen diese Gespräche stattfinden, sind stark von der freundschaftlichen Zugehörigkeit geprägt. Die Frage der Berufswahl wird weitaus häufiger unter befreundeten als unter nicht befreundeten Schülerinnen und Schülern besprochen. Und auch hierbei bleiben die Geschlechter tendenziell unter sich.

Die Berufswahl und der erfolgreiche Übergang in ein Studium oder eine Ausbildung sind in hohem Maße davon abhängig, wie die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen. Daher liegt die Frage nahe, ob sich gute Freundinnen und Freunde gegenseitig in der Beurteilung der eigenen Fähigkeiten beeinflussen. Die Analyse der Selbstwirksamkeitserwartung – damit bezeichnet man das Vertrauen in die eigenen beruflichen Fähigkeiten – brachte hervor: Haben die besten Freundinnen und Freunde eine vergleichsweise hohe Selbstwirksamkeitserwartung, wirkt sich dies positiv auf die eigene Selbstwirksamkeit aus, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wird also gestärkt. Außerdem beeinflussen gute Freundinnen und Freunde auch die Erwartungen an den zukünftigen Beruf. Wenn sie durchschnittlich ein hohes Einkommen anstreben  und daran interessiert sind, einer interessanten Tätigkeit nachzugehen, erhöhen sich diesbezüglich auch die eigenen Wünsche.

Eine zentrale Erkenntnis dieses Projektes ist, dass die Freundschaft zwischen Abiturientinnen und Abiturienten wichtiger für die Bildung von Lerngruppen ist als das Leistungsniveau. Dieser Zusammenhang muss in der bildungspolitischen Debatte und der pädagogischen Praxis stärker berücksichtigt werden. Denn Netzwerke beeinflussen nicht nur die Schulleistung, sondern auch den Übergang in den Beruf. Von ihnen hängt beispielsweise ab, ob und inwiefern Jugendliche berufsrelevante soziale Kontakte knüpfen. Diese bedingen wiederum Arbeitsmarktchancen und zukünftige Verdienstmöglichkeiten. Freundschafts-, Lern- und Austauschnetzwerke in der Oberstufe wirken sich letztlich also auf die zukünftige soziale und ökonomische Lage von Individuen aus. Sie haben damit auch einen Einfluss, wie sich die soziale Gleichheit beziehungsweise Ungleichheit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene entwickelt.

Weitere Informationen unter
http://www.crie.uni-bremen.de/de/