Bielefelder Längsschnittstudie zum Lernen in inklusiven und exklusiven Förderarrangements - BiLieF


Universität Bielefeld

Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaften

Abteilung für Psychologie

Universitätsstr. 25

33615 Bielefeld

Projektleiterin: Prof. Dr. Elke Wild

Förderkennzeichen: 01JC1101

Förderbetrag: 1.077.502 EUR

Laufzeit: 01.03.2012-28.02.2015


Folgende Forschungsfragen wurden gestellt:

  • Wie entwickeln sich Motivation, Selbstwertgefühl, schulisches Wohlbefinden und schriftsprachliche Schulleistungen bei Schülerinnen und Schülern mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen in exklusiven und inklusiven Schulformen?

  • Welche personenbezogenen Faktoren (zum Beispiel Intelligenz, Selbstwertgefühl) und welche kontextuellen Faktoren (zum Beispiel soziale Herkunft, elterliches Schulengagement, Haltungen von Lehrkräften) beeinflussen die Beschulung?

Das Projekt beleuchtete mittels qualitativer und quantitativer Methoden, wie sich die Lernmotivation, das Selbstwertgefühl, das schulische Wohlbefinden und die schriftsprachlichen Schulleistungen bei Kindern mit Lernbeeinträchtigungen von der 3. bis zur 5. Klasse entwickeln. Verglichen wurden die Entwicklungsverläufe von Kindern in drei Modellen sonderpädagogischer Förderung: Förderschulen, Grundschulen mit gemeinsamem Unterricht (GU) und Grundschulen in Kooperation mit einem Kompetenzzentrum für sonderpädagogische Förderung (KsF). Außerdem wurden weitere Bedingungsfaktoren in Schule und Elternhaus berücksichtigt. Im quantitativen Teil wurden zu vier Messzeitpunkten 455 Schülerinnen und Schüler (205 an Förderschulen, 199 an Grundschulen mit GU und 51 an Grundschulen in Kooperation mit einem KsF), 341 Eltern, 165 Lehrkräfte und 131 Schulleitungen befragt. Im qualitativen Teil wurden Fallstudien an sieben Schulen durchgeführt, an denen die gleichzeitige Förderung von Leistung und Wohlbefinden unterschiedlich gut gelingt. Ziel war es herauszufinden, welche institutionellen Bedingungen innerhalb der Modelle zu einer erfolgreichen Beschulung von Grundschülerinnen und -schülern mit Förderbedarf Lernen beitragen.

Lernbeeinträchtigte Grundschulkinder weisen unabhängig vom Fördermodell erfreulicherweise einen hohen Grad an Lernfreude und Wohlbefinden auf. Gleichzeitig sind ihre Lese- und Rechtschreibkompetenzen erwartungsgemäß eingeschränkt. Sie entsprechen in etwa dem Entwicklungsstand von ein bis zwei Jahre jüngeren Kindern ohne Förderbedarf. Im Vergleich zu inklusiv beschulten Kindern mit Lernbeeinträchtigung schneiden Kinder in exklusiven Förderschulen hinsichtlich ihrer kognitiven Grundkompetenzen und im Lesen und Schreiben schlechter ab. Sie haben auch bereits öfter eine Klasse wiederholen oder die Schule wechseln müssen und stammen zudem häufiger aus sozial benachteiligten Familien. Betrachtet man allerdings die Kompetenzentwicklung der Kinder mit Förderbedarf im Längsschnitt, unterscheiden sich die Lernzuwächse von in- und exklusiv beschulten Kindern kaum. Zwischen Schulen des gleichen Fördermodells weichen die Leistungen der Kinder jedoch teils deutlich voneinander ab. Es ist also weniger die Art der sonderpädagogischen Förderung per se, die den Schulerfolg bedingt – vielmehr sind es Merkmale einzelner Schulen.

Lehrkräfte sehen es generell als anspruchsvolle Aufgabe an, lernbeeinträchtigte Kinder zu fördern. Um ihr gerecht zu werden, ist ein starker Rückhalt im Kollegium notwendig – allerdings ist die pädagogische Grundhaltung innerhalb des Kollegiums nicht immer einheitlich. Wenn die Lehrkräfte Unterschiedlichkeit mehrheitlich wertschätzen, haben sie meist auch eine egalitäre Sicht auf Kinder mit und ohne Förderbedarf. Und sie erkennen darüber hinaus die Expertise unterschiedlicher Fachkräfte an. Dies führt dazu, dass die Arbeit im multidisziplinären Team als konstruktiv erlebt wird. Multidisziplinäre Teams versuchen in der Regel, die Kinder nach individuellem Leistungsstand zu unterrichten, auf Differenzierungen zu verzichten und die Beteiligung sowie das Wohlbefinden der Kinder zu erhöhen. Neben diesen Gelingensbedingungen ist  es außerdem hilfreich, wenn Eltern die Lernprozesse begleiten und mit Lehrkräften kooperieren. Ebenfalls förderlich ist es, wenn Einzelschulen mit einschlägigen Einrichtungen in ihrer Region gut vernetzt sind.

Die Inklusionsdebatte kreist zumeist um das Für und Wider in- und exklusiver Fördermodelle. Den vorliegenden Ergebnissen zufolge sind die Unterschiede in der „Leistungsfähigkeit“ der beiden Modelle jedoch eher gering, wenn der relative Lernzuwachs betrachtet und dabei berücksichtigt wird, dass Kinder mit besonders starken Beeinträchtigungen eher an einer Förderschule anzutreffen sind. Allerdings unterscheiden sich die Modelle je nach Ausgestaltung deutlich, was die zentrale Bedeutung von Qualitätsmerkmalen der einzelnen Schulen für eine erfolgreiche schulische Inklusion unterstreicht. Dazu zählen die pädagogischen Grundhaltungen des Schulpersonals, die effektive Arbeit im multidisziplinären Team und tragfähige Kooperationsbeziehungen mit außerschulischen  Akteuren und Eltern. In der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und anderen Professionsgruppen sollten deshalb verstärkt solche Kompetenzen vermittelt werden, die eine effektive inter- und transdisziplinäre Kooperation begünstigen. Hierin liegt ein Schlüssel für eine größtmögliche Chance aller Kinder auf Bildung und soziale Teilhabe.

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