Selbstorientierung und selbstständiges Lernen: eine Analyse von Sozialisations- und Lernumgebungen von Grundschulkindern - SELBST


Bergische Universität Wuppertal

Institut für Bildungsforschung in der School of Education

Gaußstr. 20

42119 Wuppertal

Projektleiterin: Prof. Dr. Cornelia Gräsel und Prof. Dr. Doris Bühler­-Niederberger

Förderkennzeichen: 01JC1113

Förderbetrag: 490.260 EUR

Laufzeit: 01.11.2011–31.10.2014


Folgende Forschungsfragen wurden im Vorhaben bearbeitet:

  • Wie wirken sich Sozialisations­ und Lernumgebungen auf die Selbstorientierung und das selbstständige Lernen bei Grundschulkindern aus?
  • Wie beeinflussen sozioökonomischer Status und Migrationshintergrund der Eltern Selbstorientierung und selbstständiges Lernen?
  • Welche Effekte hat dies auf den Bildungserfolg und die Bildungsaspiration?

Das Projekt untersuchte mittels qualitativer und quantitativer Methoden, wie Selbstorientierungen und selbstständiges Lernen a) wechselseitigen Einfluss haben, b) durch elterliche Praktiken oder c) durch unterschiedliche Lernumgebungen (Schule und „Junior- Uni“ als außerschulischer Lernort) geprägt werden und d) den Bildungserfolg und die Bildungsaspirationen beeinflussen.

Die quantitative Befragung erfasste in einer Längsschnittuntersuchung die soziale Herkunft, elterliche Sozialisationsmuster, Bildungsinvestitionen, Selbsteinschätzungen und Schulnoten von mehr als 400 Grundschulkindern der 2. bis 4. Klasse. In der qualitativen Befragung wurde anhand von 28 Familienporträts eine Typologie familiärer Sozialisationsmuster und ein theoretisches Konzept des „Kindes als Akteur“ erarbeitet. Dabei wurden Pläne der Eltern in Bezug auf ihre Kinder, alltägliche Erziehungsmuster, elterliche Reaktionen auf Schulrückmeldungen und die Reaktionen der Kinder auf elterliche Einstellungen und Handlungen berücksichtigt. Außerdem wurden videogestützte Beobachtungen in zehn Kursen am Lernort „Junior- Uni“ durchgeführt, die außerschulische Interaktionen und deren Auswirkungen auf selbstorientiertes Lernen beleuchten.

Es lassen sich bei den untersuchten Grundschulkindern drei Sozialisationsmuster unterscheiden. Das „dichte“ Sozialisationsmuster zeichnet sich durch Nähe und Kontrolle in der Eltern-Kind-Beziehung aus. Beim „diskursiven“ Sozialisationsmuster ist es den Eltern wichtig, die Besonderheit des Kindes zu berücksichtigen und mit ihm im Gespräch zu sein. Das „schulzentrierte“ Sozialisationsmuster beschreibt, dass Eltern am Schulalltag ihrer Kinder teilhaben und sich bei den Hausaufgaben einschalten.

Die drei Sozialisationsmuster sind nicht von der sozialen Herkunft abhängig und wirken sich auch nicht direkt auf den Bildungserfolg aus. Das Pfadmodell in Abbildung 1 berechnet dies exemplarisch für  das „diskursive Sozialisationsmuster“. Zunächst zeigt sich ein eher schwacher Zusammenhang mit dem „akademischen  Selbstkonzept“ – also der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten durch das Kind (.175). Da das Sozialisationsmuster den Bildungserfolg nicht direkt beeinflusst, wurde hier kein Pfad eingezeichnet. Allerdings erklärt sich der Bildungserfolg zu einem  großen Teil durch das „akademische Selbstkonzept“ (-.480). Das bedeutet, je höher ein Kind die eigenen Fähigkeiten einschätzt, umso besser sind seine Schulnoten. Darüber hinaus hängt der Bildungserfolg auch von der sozialen Herkunft ab (-.298). Dieser Einfluss ist nicht durch das Sozialisationsmuster der Eltern und auch nicht durch das Selbstvertrauen der Kinder zu erklären. Kinder aus höheren sozialen Schichten erzielen unabhängig von den Erziehungsmustern ihrer Eltern und unabhängig von ihrer Selbsteinschätzung bessere Noten.

Selbstwirksamkeit und Selbsteinschätzung sind besonders wichtig für den Schulerfolg von Kindern. Aus den Ergebnissen lassen sich vier Vorschläge für die Praxis ableiten.

  1. Sowohl Eltern als auch Schulen können dazu bei- tragen, dass die Selbsteinschätzung und die Selbstwirksamkeit von Kindern gefördert werden. Eltern erreichen dies durch Gespräche, in denen sie ihr Interesse am Kind, an seinen Fähigkeiten und besonderen Interessen et cetera zeigen. Lehrkräfte stärken die Selbstwirksamkeit, indem sie die Kinder interessenorientiert lernen lassen, Rückmeldungen geben und Zuschreibungen vermeiden, die ungünstige Folgen haben können.
  2. Lehrkräfte sollten darüber informiert werden, dass Sozialisationsmuster nicht von der sozialen Herkunft abhängen. Dadurch könnte verhindert werden, dass Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten aufgrund eines (oft fälschlicherweise) unterstellten Erziehungsstils schlechter bewertet werden.
  3. Außerschulische Lernorte können selbstgesteuertes Lernen ebenfalls unterstützen. Bei den Lernaktivitäten sollte der Gegenstand, um den es geht, im Mittelpunkt stehen. Der beziehungsweise die Lehrende sollte den eigenen Denkprozess sichtbar machen und die Kinder in diesen einbeziehen.
  4. Wenn Eltern sich bemühen, die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu fördern, sollte dies von den Schulen gebührend anerkannt werden – auch wenn sich die elterlichen Unterstützungsleistungen qualitativ unterscheiden. Hilfreich hierbei könnten beispielsweise  „Elternkreise“ sein.

Weiter Informationen unter
http://www.ifb.uni-wuppertal.de/
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