Bildungsgerechtigkeit oder Reproduktion von Bildungsungerechtigkeit durch schul- und sozialpädagogische Professionelle


Fallrekonstruktionen am Beispiel ganztägiger Arrangements

Universität Bielefeld

Fakultät für Erziehungswissenschaft

Postfach 100131

33501 Bielefeld

Projektleiter: Prof. Dr. Martin Heinrich

Förderkennzeichen: 01JC1114

Förderbetrag: 282.663 EUR

Laufzeit: 01.10.2011–30.09.2014


Folgende Forschungsfragen wurden im Projekt beantwortet:

  • Welche Sichtweisen auf Bildungsgerechtigkeit haben Lehrkräfte und Akteure der Sozialen Arbeit in Ganztagsschulen?

  • Inwiefern tragen die professionellen Akteure durch ihr Handeln zur Reproduktion oder zum Abbau von Ungleichheiten im Schulsystem bei?

Die qualitativ angelegte Untersuchung erforschte zum einen in 18 narrativen Interviews die Sichtweisen von Lehrkräften und Professionellen der Sozialen Arbeit in Ganztagsschulen auf Bildungsgerechtigkeit. Davon wurden jeweils sieben Interviews mit Professionellen der Sozialen Arbeit und mit Lehrkräften geführt, vier Interviews fanden mit Schulleitungen statt. Zum anderen wurden teilnehmende Beobachtungen des ganztagsschulischen Alltags an jeweils zwei ganztägigen Hauptschulen und Gymnasien durchgeführt. So wurde untersucht, inwiefern Professionelle der Sozialen Arbeit und Lehrkräfte durch ihr Handeln dazu beitragen, dass Ungleichheiten im Schulsystem abgebaut oder gefestigt werden. Ziel der Untersuchung war es, die pädagogische Praxis und die Deutungen der Akteure zu rekonstruieren.

Die an Schulen tätigen Akteure greifen das Thema Bildungsgerechtigkeit in Berichten zur eigenen Tätigkeit im schulischen Alltag nicht explizit auf. Dies ist insofern erstaunlich, als es ein wesentliches, an Ganztagsschulen gerichtetes Ziel ist, Bildungsungerechtigkeiten zu reduzieren. Zudem wird die Soziale Arbeit in der wissenschaftlichen Debatte seit Jahren als „Gerechtigkeitsprofession“ diskutiert, sodass gerade die Nichtthematisierung durch Professionelle der Sozialen Arbeit als besonders erklärungsbedürftig erscheint.

Letztlich lässt sich dies darauf zurückführen, dass das Thema Bildungsgerechtigkeit äußerst komplex ist. So verknüpfen die Akteure auf Nachfrage zwar vielfältige theoretische Positionen, allerdings können sie den Begriff kaum konsistent bestimmen. Zudem ist er für die Akteure im (ganztags-)schulischen Kontext mit Ambivalenzen behaftet: Einerseits nehmen sie wahr, dass sie Bildungsungerechtigkeiten bekämpfen sollen, um somit dem bildungspolitischen Auftrag gerecht zu werden, der an ganztägige Betreuung gestellt wird. Andererseits sehen sie sich als schulische Akteure mit dem Verdacht konfrontiert, genau diese Ungleichheiten zu reproduzieren. Der Grund hierfür ist, dass in der wissenschaftlichen Debatte der Schule – und allen Beteiligten – hier eine verantwortliche Rolle zugeschrieben wird.

Die Akteure reagieren auf diese Ambivalenz mit zwei Strategien: Entlastung und/oder Immunisierung. Entlastung von der erlebten Verantwortung zeigt sich darin, dass sie ihre eigenen Möglichkeiten, Bildungsungerechtigkeiten zu reduzieren, als stark begrenzt einschätzen. Denn zum einen werden strukturelle Faktoren in der Schule als Ursachen für Bildungsungerechtigkeiten angesehen. Zum anderen werden die Schülerinnen  und Schüler sowie deren familiäres Umfeld mitverantwortlich gemacht. Beide Faktoren sind (sozial-)pädagogisch nur sehr bedingt beeinflussbar. Immunisierung als Strategie beschreibt, dass Bildungsungerechtigkeit als nicht existent erklärt wird. Damit sprechen sich die Akteure von der Verantwortung frei, sie zu reproduzieren oder bekämpfen zu müssen.

In der wissenschaftlichen Debatte wird angenommen, dass es multiprofessionellen Teams besser gelingt, Bildungsungerechtigkeiten zu reduzieren. Gründe hierfür werden in den unterschiedlichen Umgangsweisen gesehen, die sich aufgrund ihrer jeweiligen Berufskultur ergeben. Diese Annahme bestätigt das Projekt nicht, denn die beiden Berufsgruppen verfolgen in den unterschiedlichen Schulzweigen jeweils ähnliche Ziele. An Gymnasien geht es beiden primär um die schulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler, an Hauptschulen um deren Integration ins Arbeitsleben. Damit reproduzieren sich in der Schule die Benachteiligungen durch Förderung beziehungsweise Nichtförderung. Einflüsse der Schulkultur und/ oder der Schulform überlagern den „Mehrwert“, der multiprofessionellen Teams in der Bearbeitung von Bildungsungerechtigkeiten zugesprochen wird.

Zusammenfassend weisen die Ergebnisse auf zwei wesentliche Herausforderungen in der Aus- und Weiterbildung von schul- und sozialpädagogischen Fachkräften hin: Es ist zum einen notwendig, dass sie stärker für Bildungsungerechtigkeiten und deren Reproduktionslogiken in der alltäglichen Praxis sensibilisiert werden. Zum anderen sollte professionsspezifisch und -übergreifend analysiert werden, welche Möglichkeiten und Begrenzungen Akteure in der Schule haben, um Bildungsungerechtigkeit zu beeinflussen.


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