Zwischen Familie und Schule: Analyse kontrastierend ausgewählter Jugendverbände - Untypische Bildungsverläufe und verbandstypische Orientierungen (Verbundvorhaben)


Teilprojekte A und B

Universität Hamburg

Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft

FB Erziehungswissenschaft - Sektion 3: Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen

Edmund-Siemers-Allee 1

20146 Hamburg

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Anke Grotlüschen

Förderkennzeichen: 01JC1124A

Förderbetrag: 253.896 EUR

Laufzeit: 01.09.2012–31.08.2015


Universität Duisburg-Essen

Fakultät für Bildungswissenschaften

Institut für Berufs- und Weiterbildung

Universitätsstr. 2

45141 Essen

Projektleiter: Prof. Dr. Helmut Bremer

Förderkennzeichen: 01JC1124B

Förderbetrag: 132.203 EUR

Laufzeit: 01.09.2012–31.08.2015


Die folgenden Forschungsfragen wurden im Vorhaben bearbeitet:

  • Inwiefern korrespondiert die Mitarbeit in Jugendverbänden  mit milieuspezifischen Interessen, Vorlieben und kulturellen Mustern?
  • Inwiefern sind mit verbandstypischen Orientierungen und Praktiken auch Zugänge zu Bildung und Strategien des Bildungserwerbs der Jugendlichen verbunden?

Das qualitativ angelegte Forschungsprojekt untersuchte diese Fragen in sechs Jugendverbänden mittels Gruppendiskussionen und 40 leitfadengestützten Interviews. Ein besonderer Fokus lag dabei auf den milieuspezifischen Verbandskulturen, dem Entstehen von Interessen und den impliziten Förderstrukturen in Jugendverbänden. Die Auswahl der Jugendverbände erfolgte unter dem Vorsatz, ein möglichst breites Spektrum (weltanschaulich, thematisch und vor allem in Bezug auf die Milieuzugehörigkeit) von engagierten Jugendlichen abzudecken.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Jugendverbände aufgrund ihrer Traditionen und Verbandskulturen unterschiedliche soziale Milieus ansprechen. So erreicht der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder beispielsweise eher Jugendliche und junge Erwachsene aus bürgerlichen Milieus, während die Jugendfeuerwehr vor allem auch diejenigen aus einem unteren bis mittleren Milieuspektrum anspricht.

Aufgrund dieser Milieubezogenheit stehen Jugendverbände den Alltagswelten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen näher als Institutionen des formalen Bildungssystems. Hierdurch kann die sehr heterogen aufgestellte Jugendverbandsarbeit ein relativ breites Spektrum Jugendlicher und junger Erwachsener ansprechen. Allerdings lassen sich in Jugendverbänden auch „blinde Flecken“ in Bezug auf soziale Milieus erkennen. Das heißt, es gibt soziale Milieus, die nur in geringem Maße angesprochen werden (Milieuverengung) und von den etablierten Verbandskulturen unbeabsichtigt ausgegrenzt werden. Besonders häufig sind es Jugendliche aus benachteiligten Lebenslagen, die in Jugendverbänden unterrepräsentiert sind.

Der ausgeprägte Alltagsbezug und die Freiwilligkeit der Teilnahme begünstigen, dass Jugendliche in Jugendverbänden an bestimmten Formen der Bildung teilhaben, die im formalen Bildungssystem weniger berücksichtigt werden. Zu denken ist hier beispielsweise an praktische oder soziale Kompetenzen. Die Jugendlichen erwerben durch ihr Engagement in Jugendverbänden verschiedene Lebens- und Sozialkompetenzen, die gesellschaftlich implizit erwartet, jedoch im formalen System nicht gezielt vermittelt werden. Jugendverbände bieten die Möglichkeit, im gemeinschaftlichen Kontext alternative Bildungsstrategien einzuüben. Für Jugendliche und junge Erwachsene aus mittleren und benachteiligten Milieus haben sie eine kompensatorische Bedeutung: Sie erhalten dort die „Alltagsbildung“, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus eher privilegierten Milieus oftmals bereits im Elternhaus vermittelt wird.

Engagement in Jugendverbänden gestaltet und unterstützt darüber hinaus Übergangsprozesse von der Schule in Ausbildung, Studium und Beruf milieuspezifisch in unterschiedlicher Weise. Je nach Verbandskultur findet die Unterstützung ergänzend zu den Anforderungen des formalen Bildungssystems statt, teils aber auch direkt im Widerspruch zu dessen Zertifikats- und Abschlussorientierung. Erkennbar ist in diesem Zusammenhang, dass das jugendverbandliche Engagement verschiedene Funktionen erfüllt und Bildung unterschiedlich gedeutet wird (etwa als Schonraum, Gegenwelt, Motor für Bildungsaufstieg).

Jugendliche lernen in Jugendverbänden außerdem neue Themen kennen. Einerseits sind dies verbands- spezifische Themen, wie zum Beispiel Brandbekämpfung bei der Feuerwehrjugend, andererseits auch verbandsunabhängige Themen, wie zum Beispiel Politik oder die Gestaltung von Gruppenprozessen. Die erfahrenen Anregungen beeinflussen bei vielen engagierten Jugendlichen die Persönlichkeit und die Einstellungen. Verbandsengagement geht häufig mit dem Erwerben sozialer, rhetorischer und finanzieller Kompetenz einher. Zudem lernen die Engagierten, Verantwortung zu übernehmen, was wiederum Auswirkungen auf ihre politischen Einstellungen haben kann. Von den erlernten Inhalten und Techniken profitieren die Jugendlichen auch deshalb besonders, weil sich die Lernprozesse im nonformalen Umfeld teils auf das Lernen im formalen Bildungswesen übertragen lassen.

Die Entwicklung oder Intensivierung von Interessen wird auch durch persönliche Förderbeziehungen zwischen „dienstälteren“ und „dienstjüngeren“ Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Jugendverbänden beeinflusst. Die Förderbeziehungen sind dabei freiwillig, intensiv und stark von der sozialen Position beeinflusst. So kommen Fördernde und Geförderte häufig aus ähnlichen Milieus. Von den Geförderten werden die Beziehungen daher zumeist als gleich- berechtigt, also auf Augenhöhe, wahrgenommen – dies scheint ihren Erfolg auszumachen.

Sowohl die persönlichen Beziehungen der Jugendlichen in den Jugendverbänden als auch das Kennenlernen neuer Themen tragen demnach zu veränderten Bildungs- und Berufsorientierungen bei. Dabei orientieren sich die Jugendlichen auch an Vorbildern im Verband. Die damit verbundene Entwicklung von neuen Interessen kann Präferenzen von Schulfächern und Berufswünschen beeinflussen, aber auch den Wunsch nach höheren Bildungsabschlüssen begünstigen. Teils erfahren die Jugendlichen bei der Umsetzung dieser veränderten Bildungs- und Berufsorientierungen direkte Unterstützung aus dem Verband, häufig von ihren Fördernden.

Die Ergebnisse bestätigen, wie bedeutend außerschulische Akteure für die Bereitstellung alternativer Bildungsräume sind. Bei Kooperationen zwischen nonformalem und formalem Bildungswesen ist es wichtig, dass sich beide Systeme auf Augenhöhe begegnen. Auch gilt es, die Eigenlogik der Jugendverbandsarbeit zu berücksichtigen, die sich unter anderem in Prinzipien von Freiwilligkeit, Selbstorganisation, Partizipation und ehrenamtlicher Tätigkeit  niederschlägt.

Zusätzlich sollte darüber nachgedacht werden, wie bislang ausgeschlossene Gruppen von Jugendlichen angesprochen und in die Jugendverbände aufgenommen werden können. Hierbei könnte es sinnvoll sein, benachteiligten Gruppen eigene „Räume“ in den Jugendverbänden anzubieten. Damit würde die vorherrschende Verbandskultur möglicherweise abgeschwächt und Ausgrenzung abgemildert. Eine solche Reflexion und Öffnung der Verbände bedarf jedoch einer gezielten Unterstützung.

Weitere Informationen unter
https://www.ew.uni-hamburg.de/
https://www.uni-due.de/biwi/politische-bildung/