Interaktive Verfahren der Etablierung von Passungen und Divergenzen für sprachliche und fachkulturelle Praktiken im Deutsch- und Mathematikunterricht


Rekonstruktive Unterrichtsstudie zur Erklärung gelingender oder misslingender Teilhabe an schulischen Lernprozessen – Inter-Pass

Technische Universität Dortmund

Fakultät für Mathematik -

Institut für Entwicklung und Erforschung des Mathematikunterrichts

August-Schmidt-Str. 4

44227 Dortmund

Projektleiterin: Prof. Dr. Susanne Prediger

Prof. Dr. Uta Quasthoff

Förderkennzeichen: 01JC1112

Förderbetrag: 682.219 EUR

Laufzeit: 01.06.2012–29.02.2016


Folgende Forschungsfragen wurden bearbeitet:

  • Welche Mechanismen der sprachlichen und fachlichen Lernförderlichkeit von Klassengesprächen in der Sekundarstufe 1 lassen sich empirisch unterscheiden?
  • Wie können sprachliche und fachliche Lerngelegenheiten in Klassengesprächen unter Berücksichtigung der professionellen Perspektiven der Lehrpersonen so gestaltet werden, dass auch sozial benachteiligte Kinder partizipieren können?

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt InterPass beleuchtete die Interaktion in 5. Klassen im Deutsch- und Mathematikunterricht in Bezug auf diskursive Kompetenzen wie Erklären, Argumentieren und Beschreiben. Dabei sind diskursive Praktiken solche Gesprächsaktivitäten, bei denen mehrere Beteiligte gemeinsam einen größeren, strukturierten Zusammenhang aufbauen, der über die Äußerung eines einzelnen Sprechenden hinausgeht. Diskursive Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit einzelner Personen, sich an diesen Gesprächsaktivitäten zu beteiligen.

Unterricht findet überwiegend durch Sprache statt. (Bildungs-)Sprachliche (und in der Sekundarstufe insbesondere diskursive) Kompetenzen sind deshalb zentrale Voraussetzung, um sich aktiv an Unterrichts- und Lernprozessen beteiligen zu können. Der Lernerfolg in Mathematik und Deutsch hängt nicht nur von fachlichen Aspekten ab, sondern maßgeblich vom Zusammenspiel sprachlicher und fachlicher Lerngelegenheiten. Gerade sozial benachteiligten Kindern fehlen diese Voraussetzungen jedoch oftmals. Um diese auszugleichen, müssen Lehrkräfte sprachliche Lerngelegenheiten ebenso wie fachliche Lerngelegenheiten fördern. Wie dies geschehen kann, wurde in diesem Forschungsprojekt in Klassengesprächen und Gruppendiskussionen untersucht.

Die Teiluntersuchung InterPass-Klassengespräche beleuchtet, wie sprachliche und fachliche Lerngelegenheiten zusammenwirken und wie die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern im Unterricht gestärkt beziehungsweise behindert wird. Dazu wurden 120 Stunden Deutsch- und Mathematikunterricht in fünf Klassen  mit zehn Lehrkräften gefilmt und anschließend qualitativ ausgewertet.

Ein wichtiges Ergebnis ist, dass sprachliche und fachliche Lerngelegenheiten aufeinander aufbauen und  sich nicht etwa wechselseitig verdrängen. Lehrkräfte eröffnen diesbezüglich sehr unterschiedliche Lernangelegenheiten im Unterricht. Zu wenige Lerngelegenheiten ergeben sich zum Beispiel, wenn Lehrkräfte die sprachlichen und fachlichen Anforderungen nicht explizit formulieren, den Lernenden wenig zutrauen oder die Schülerinnen und Schüler sich insgesamt wenig oder nur auf niedrigem Niveau beteiligen. Bei einigen Kindern zeigen sich nach einem halben Jahr Unterricht nur begrenzte Zuwächse in ihren Fähigkeiten, sich sprachlich auszudrücken. Positive Effekte sind hingegen erkennbar, wenn sich die Anforderungen des Unterrichts an den Kompetenzen der Kinder orientieren und sie individuell unterstützt werden.

Die Teiluntersuchung InterPass-Gruppendiskussionen beleuchtet die professionelle Perspektive der Lehrkräfte auf die Interaktionen im Unterricht. Dazu diskutierten vier bis sechs Lehrkräfte anderer Schulen ausgewählte Videoausschnitte aus Unterrichtsinteraktionen zwischen Lernenden und Lehrenden.

Die Gruppendiskussionen zeigen, dass Steuerungsstrategien, die Partizipation nicht fördern, oft durchaus plausiblen Perspektiven folgen. Deutlich wird dies beispielsweise beim Umgang mit Feedbacks: Um diskursive Kompetenzen zu fördern, sollten Lehrkräfte explizite Feedbacks geben. Dies vermeiden sie allerdings teilweise, um der Anforderung nach gesichtswahrenden Reaktionen gerecht zu werden. So können sich Lehrkräfte mit widersprüchlichen Handlungsanforderungen konfrontiert sehen.

Die Ergebnisse beider InterPass-Teiluntersuchungen – Klassengespräche und Gruppendiskussionen – sind für Fortbildungen von Lehrerinnen und Lehrern relevant. Die empirischen Ergebnisse aus den Klassengesprächen zu den Möglichkeiten und Schwierigkeiten sprachsensiblen Unterrichtens sind bereits in Fortbildungsmaßnahmen eingeflossen. Dabei wurden Lehrkräfte für das Zusammenspiel (nicht die Addition!) sprachlicher und fachlicher Lerngelegenheiten sensibilisiert und ihr Wissen über deren Mechanismen in Unterrichtsinteraktionen vertieft.

Für die Fortbildung ebenso wichtig sind die Perspektiven der Lehrkräfte auf Steuerungsstrategien des Unterrichtsgeschehens aus der Teiluntersuchung Gruppendiskussion. Denn erst wenn man weiß, warum die Anforderungen an partizipationsförderliche Unterrichtsgestaltungen aus der professionellen Sicht der Lehrkräfte nicht umsetzbar sind, kann man in Fortbildungen an diesen Widersprüchen arbeiten und mögliche Synthesen und Auswege finden. Beispielsweise lässt sich die Diskrepanz zwischen notwendigem Feedback und dem wichtigen pädagogischen Prinzip der Gesichtswahrung durch geschickte Gesprächsstrategien überwinden, sodass beide Anforderungen gleichzeitig erfüllt werden.

Weitere Informationen unter
http://www.mathematik.tu-dortmund.de/ieem/cms/de/home.html
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