Diagnose von und Umgang mit Schülerfehlern als Facette der professionellen Kompetenz von Lehrkräften (Verbundvorhaben)


Verbundpartner:

Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

FB 02 Wirtschaftswissenschaften

Fachgebiet Wirtschaftspädagogik

Grüneburgplatz 1

60323 Frankfurt

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Eveline Wuttke

Förderkennzeichen: 01 JH 0921

Förderbetrag: 141.263,84 EUR

Laufzeit: 01.06.2009 – 31.07.2012


Universität Mannheim

Fakultät für Betriebswirtschaftslehre

Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik II Schloss

68161 Mannheim

Projektleiter: Prof. Dr. Jürgen Seifried

Förderkennzeichen: 01 JH 0922

Förderbetrag: 131.476,00 EUR

Laufzeit: 01.06.2009 – 31.07.2012


In der aktuellen Diskussion über die Aus- und Weiterbildung und Expertise von Lehrkräften liegen verschiedene Vorschläge zur Strukturierung der professionellen Lehrerkompetenz vor. Eine viel zitierte Unterscheidung, die sich auch weitgehend durchgesetzt hat, hat Shulman vorgelegt. Er unterscheidet Fachwissen, fachdidaktisches Wissen und allgemeines pädagogisches Wissen. Im deutschen Sprachraum hat Bromme die Klassifizierung von Shulman aufgegriffen und weiterentwickelt. Professionelle Kompetenzen umfassen aus seiner Sicht auch Wertvorstellungen und Überzeugungen, die er als „Philosophie des Schulfachs“ bezeichnet. Die professionelle Kompetenz von Lehrkräften ist also ein komplexes und facettenreiches Konstrukt, das neben verschiedenen Formen von Wissen auch Werthaltungen bzw. Überzeugungen umfasst.

Im vorliegenden Projekt standen insbesondere drei Facetten dieses Konstruktes im Vordergrund, die als professionelle Fehlerkompetenz (PFK) bezeichnet werden:
(1) Wissen über das Verständnis und Wissen der Lernenden einschließlich häufiger und gängiger Fehlkonzepte und Lernschwierigkeiten (deklarative Komponente der PFK),
(2) Wissen über Handlungsmöglichkeiten in Fehlersituationen (prozedurale Komponente der PFK) sowie
(3) Überzeugungen oder Sichtweisen bezüglich des Nutzens der Auseinandersetzung mit Schülerfehlern im Unterricht.
Es wurde davon ausgegangen, dass Lehrkräfte die genannten Kompetenzfacetten – nicht zuletzt, weil sie eine beachtliche Adressatenabhängigkeit aufweisen dürften – nicht schon (vollständig) während der ersten beiden Ausbildungsphasen, sondern nur nach und nach im Verlauf ihrer ersten Berufsjahre bis zu einer wünschenswerten Ausprägung entfalten können. Entsprechende Entwicklungsprozesse wurden daher im Längsschnitt abgebildet.

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde die professionelle Fehlerkompetenz (PFK) in der Domäne Rechnungswesen untersucht. Gründe für diese Auswahl waren:
(1) Der Lerninhaltsbereich hat als Kerndisziplin kaufmännischer Curricula einen hohen Stellenwert für die Entwicklung ökonomischer Kompetenz von Berufslernenden.
(2) Er hat sich als vergleichsweise fehleranfällig erwiesen.
(3) Die wenigen Arbeiten zum Buchführungsunterricht zeigen, dass er durch Methodenmonismus (fragend-entwickelnder Frontalunterricht) gekennzeichnet ist und dem konstruktiven Umgang mit Fehlern im Sinne eines Lernens aus Fehlern nur wenig Raum eingeräumt wird.

In einem gestuften Längsschnittdesign wurde untersucht, inwiefern Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Komponenten der professionellen Kompetenz bestanden und inwiefern sich die professionelle Fehlerkompetenz im Verlauf einer Berufsbiografie verändert. Zur Erfassung der Fehlerkompetenz wurde auf eine Kombination von Methoden („mixed methods“) zurückgegriffen, um sowohl die Selbsteinschätzung der Probanden zu erfassen als auch deren Performanz zu erheben. In ersten Teilstudien (Experteninterviews mit Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern, Analyse von Schülertests) wurden typische Schülerfehler im Rechnungswesenunterricht identifiziert. Diese Erkenntnisse wurden genutzt, um typische Schülerfehler in kurzen Videosequenzen (Vignetten) zu verankern. Die Vignetten wurden in der Hauptstudie den Probanden (Studierenden im Bachelor- und Masterstudiengang Wirtschaftspädagogik, Referendaren zu Beginn des Vorbereitungsdienstes, erfahrenen Lehrpersonen) vorgelegt und analysiert, inwieweit diese in der Lage sind, Fehler zu identifizieren und lernförderliches Feedback zu geben. Darüber hinaus wurde das Fachwissen der Versuchspersonen über die Korrektur von (fiktiven) fehlerhaften Schülerlösungen domänenspezifischer Aufgaben erfasst. Die Sichtweisen zum Lernen aus Fehlern sowie die Selbsteinschätzung wurden über standardisierte Fragebögen erhoben. Für die erste Querschnittsanalyse konnte auf Daten von insgesamt 287 Probanden (Studierenden, Referendaren, Lehrkräften) zurückgegriffen werden.

 Bachelor- und Masterstudierende sowie Referendare waren nur ansatzweise in der Lage, Schülerfehler zu identifizieren. Erfahrene Lehrpersonen leisteten dies erheblich besser. Ein Gruppenvergleich über alle Aufgaben (Vignetten und Paper-Pencil-Test) zeigte signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen mit einer Varianzaufklärung von knapp 27 Prozent. Erfahrene Lehrpersonen schätzten sich realistisch ein, Studierende und Referendare überschätzten ihre Kompetenz. Folglich war keine signifikante Korrelation zwischen der Selbsteinschätzung und der Performanz im Test zu finden.

Es waren praktisch keine Unterschiede bezüglich der Feedbackarten (einfach vs. elaboriert) zwischen den Gruppen zu finden. Die Qualität des Feedbacks war aber wiederum bei erfahrenen Lehrkräften besser ausgeprägt als bei den anderen Gruppen.