Die Rolle familialer Unterstützung beim Erwerb von Diskurs- und Schreibfähigkeiten in der Sekundarstufe I (FUnDuS) (Verbundvorhaben)


Verbundpartner

Technische Universität Dortmund

Fakultät Kulturwissenschaften

Institut für deutsche Sprache und Literatur

Technische Universität Dortmund

44227 Dortmund

Verbundkoordinatorin: Prof. Dr. Uta Quasthoff

Förderkennzeichen: 01GJ0983

Förderbetrag: 264.335,58 EUR

Laufzeit: 01.10.2009–30.09.2012


Universität Bielefeld

Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft

Abteilung für Psychologie

Universitätsstraße 25

33615 Bielefeld

Projektleiterin: Prof. Dr. Elke Wild

Förderkennzeichen: 01GJ0984

Förderbetrag: 323.505,77 EUR

Laufzeit: 01.10.2009–30.09.2012


Mit der Veröffentlichung der PISA-Studie erregten die Ergebnisse aus internationalen Schulvergleichsstudien großes bildungspolitisches und mediales Aufsehen. Hinlänglich belegt und seitdem vielfach diskutiert ist, dass schulische Leistungen und Bildungsabschlüsse Heranwachsender insbesondere in Deutschland eng mit sozioökonomischen sowie familienstrukturellen Bedingungen zusammenhängen. Hingegen liegen die am Zustandekommen dieser primären Bildungsungleichheiten beteiligten Prozesse noch weitgehend im Dunkeln. Gerade solche Erkenntnisse über die genauen Wirkmechanismen sind jedoch nötig, um Faktoren zu identifizieren, die im Gegensatz zu der sozialen Herkunft veränderbar sind und an denen somit zur Verringerung primärer Bildungsungleichheiten angesetzt werden kann. Für den erfolgreichen Umgang mit schulischen Anforderungen kommt auch und gerade der Familie eine besondere Bedeutung zu. Dennoch wurde die Rolle innerfamiliärer Prozesse für das Zustandekommen von primären Bildungsungleichheiten bisher nur wenig untersucht. Einen vielversprechenden Ansatzpunkt bilden dabei komplexe sprachliche Kompetenzen. Insbesondere argumentative Kompetenzen werden ab der Sekundarstufe I als Schlüsselqualifikationen für die Unterrichtsteilhabe und den Lernerfolg in allen Fächern betrachtet. Demgegenüber steht die Tatsache, dass mündliche argumentative Kompetenzen nur selten explizit als Unterrichtsgegenstand vermittelt werden, sodass für deren erfolgreichen Erwerb dem Elternhaus ein besonderer Stellenwert zukommen sollte. Gleichwohl gibt es bislang sowohl zum Erwerb als auch zur Entwicklung argumentativer Kompetenzen im Kontext der Familiensozialisation kaum Forschungen.

Das Forschungsprojekt zielt auf die Ermittlung familialer Bedingungen, die die Ausbildung von mündlicher und schriftlicher Argumentationskompetenz (AK) fördern bzw. behindern können. Das zentrale Konstrukt der AK fassen wir als eine genrespezifische Art von Diskursfähigkeit, die sich aus kognitiven (z. B. Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken) und sprachlichen Facetten (z. B. interner Aufbau, sprachliche Markierung) zusammensetzt. Das Konzept umfasst rezeptive (Beurteilen von Argumentationen) und produktive (Verfassen von Argumentationen) Anteile und wird sowohl an schriftlichen Texten wie mündlichen Dialogen überprüft. Zur Ermittlung des Erwerbskontexts und -verlaufs sieht FUnDuS ein längsschnittlich angelegtes Design vor, in dem die besonderen Vorteile psychologischer und linguistischer Methoden systematisch verknüpft werden. Hierzu werden im psychologischen Teilprojekt Daten aus Tests (zur kindlichen AK) und Fragebögen (zu familiären Einflussfaktoren) in einer umfangreichen Ausgangsstichprobe (ca. 1500 Familien) gewonnen, anhand derer systematisch eine Teilstichprobe von 36 Familien ausgewählt wird. Diese Teilstichprobe umfasst sowohl erwartungskonforme (jeweils hohe bzw. niedrige Ausprägungen des sozialen Status und der AK) als auch erwartungsdiskrepante Familien (Kombination von hohen und niedrigen Ausprägungen). In diesen Familien werden im Rahmen des linguistischen Teilprojekts im Hinblick auf erwerbsunterstützende bzw. -hemmende Interaktionsmuster zwei Interaktionsformen beobachtet. Die Ergebnisse werden anschließend mit Rückgriff auf die Ausgangsstichprobe auf ihre Generalisierbarkeit geprüft. Der Zeitraum der Erhebungen erstreckt sich über die gesamte Pflichtschulzeit (von der 5. bis zur 9. Jahrgangsstufe). Die gewonnenen Erkenntnisse münden in eine Intervention in Form eines Elterntrainings, welches darauf abzielt, erwerbsförderliche Alltagspraktiken von Eltern im Umgang mit ihren Kindern zu etablieren. Im Rahmen einer begleitenden Evaluation wird empirisch geprüft, inwieweit die gefundenen förderlichen bzw. hemmenden Alltagspraktiken auch in bildungsfernen Familienmilieus beeinflussbar sind.

Durch das Design und die Verschachtelung psychologischer und linguistischer Expertisen konnten durch das Projekt einzigartige Daten und bisher bereits außerordentlich interessante empirische Befunde gewonnen werden. Die Auswertungen zeigen, dass die kindliche Argumentationskompetenz (AK) eher mit dem elterlichen Bildungshintergrund als mit anderen Schichtindikatoren zusammenhängt. Auch lassen sich deutliche Unterschiede zwischen Gymnasiasten und Hauptschülern zugunsten Ersterer beobachten, wobei sich durchgängig Zusammenhänge mit Schulnoten zeigen. Als förderlich erweisen sich vor allem Familienkonversationen, die durch Reziprozität (Kommunizieren auf Augenhöhe) und (Erwartungen von) Begründungen charakterisiert sind. Hemmend wirkt sich dagegen insbesondere aus, wenn Eltern keine abweichenden Meinungen tolerieren (Dissenz-Intoleranz) und dem Kind auf Paarebene negative argumentative Aushandlungsprozesse vorleben. Parallel hierzu zeigen Analysen der Eltern-Kind-Interaktion, dass es eher förderliche kommunikative Praktiken der Eltern gibt (Gegenargumente anbringen, gleichzeitig Kind als Gesprächspartner konversationell unter Begründungspflicht setzen) und eher hemmende (Kind bekommt wenig Raum für eigene Beiträge, oder es wird argumentativ nicht herausgefordert). Diese Faktoren im Elternhaus bilden die Grundlage für die Entwicklung des Elterntrainings, die auf Veränderung von sozialen Disparitäten gerichtet sind, und deren Evaluation in FUnDuS II. Parallel werden die Datenerhebungen fortgesetzt und komplexere Auswertungen (u. a. zur längsschnittlichen Entwicklung der AK) vorangetrieben.