Prozessbezogene Diagnostik des Lese- und Hörverstehens im Grundschulalter (Verbundvorhaben)


Verbundpartner

Universität Kassel

Fachbereich 01 Humanwissenschaften

Institut für Psychologie

Holländische Straße 36–38

34127 Kassel

Verbundkoordinator: Prof. Dr. Tobias Richter

Förderkennzeichen: 01GJ0985

Förderbetrag: 120.181,92 EUR

Laufzeit: 01.08.2009–31.08-2012


Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)

Arbeitseinheit Bildungsqualität und Evaluation

Schloßstraße 29

60486 Frankfurt am Main

Projektleiter: Prof. Johannes Naumann

Förderkennzeichen: 01GJ0986

Förderbetrag: 132.262,00 EUR

Laufzeit: 01.08.2009 – 31.07.2012


Kompetentes Leseverstehen beruht aus kognitionspsychologischer Sicht auf der effizienten, d. h. der schnellen, ressourcenschonenden und zuverlässigen Bewältigung kognitiver Teilprozesse auf der Wort-, Satz- und Textebene. Diese erstrecken sich von hierarchieniedrigen Prozessen der visuellen Worterkennung (phonologisches Rekodieren, orthografische Vergleichsprozesse, lexikalischer Zugriff) über Prozesse der syntaktischen und semantischen Integration bis hin zur Ableitung eines satzübergreifenden kohärenten Sinnzusammenhangs (Bildung lokaler und globaler Kohärenzen, Ziehen von Inferenzen) und Situationsmodells. Bislang ist jedoch nur wenig über Struktur, Zusammenhänge und Entwicklung der einzelnen Teilprozesse im Verlauf des Leseerwerbs im Grundschulalter sowie den Zusammenhang zwischen den Fertigkeiten des Leseverstehens mit korrespondierenden Vorläuferfertigkeiten des Hörverstehens bekannt. Eine mögliche Ursache hierfür ist das Fehlen geeigneter diagnostischer Messinstrumente zur Erfassung der Effizienz der kognitiven Teilprozesse des Lese- und Hörverstehens. Der Großteil im Schulalltag gängiger Verfahren zur Abbildung der Leseleistung von Grundschülerinnen und -schülern erfasst lediglich einen Ausschnitt der Teilfertigkeiten des Leseverstehens und bildet die Effizienz der untersuchten Prozesse vorrangig über Maße der Genauigkeit ab, wobei die Verarbeitungszeit als Maß der Automatisierung kognitiver Prozesse selten Berücksichtigung findet. Besonders aus bildungspraktischer Perspektive ist das prozessorientierte Erfassen der Effizienz des Leseverstehens ein dringendes Anliegen. Nur die Kenntnis über die dem Leseverstehen zugrunde liegenden Prozesse, ihre Zusammenhänge und Entwicklung ermöglicht eine gezielte Diagnose von Defiziten, die Entwicklung erfolgversprechender Lesefördermaßnahmen sowie eine zweckmäßige Gestaltung des Leseunterrichts und geeigneter Unterrichtsmaterialien.

Ziel des Verbundvorhabens ist die Entwicklung und Erprobung eines computergestützten Messinstruments zur prozessorientierten Erfassung interindividueller Leistungsunterschiede in den differenzierbaren kognitiven Teilprozessen des Lese- und Hörverstehens von Grundschulkindern. Als Maße der Effizienz werden sowohl die Antwortgenauigkeit zur Erfassung der Zuverlässigkeit der untersuchten Verarbeitungsprozesse als auch die Antwortgeschwindigkeit zur Erfassung des Grades der Automatisierung erhoben. Anhand einer Querschnittsuntersuchung wurden die neu entwickelten Tests auf ihre Konstrukt- und Kriteriumsvalidität hin überprüft und optimiert. Die Querschnittsdaten bilden ferner die Grundlage für psychometrische Analysen zur dimensionalen Struktur der kognitiven Teilprozesse des Hörverstehens sowie zur Beziehung von Fertigkeiten des Lese- und Hörverstehens. Die optimierten Testinstrumente werden anschließend in einer bereits begonnenen Längsschnittuntersuchung zur Entwicklung der Effizienz von kognitiven Teilprozessen der Lese- und Hörkompetenz im Verlauf des Leseerwerbs eingesetzt. Hierfür werden, beginnend mit dem Schuljahr 2011/2012, zwei Kohorten von Schülerinnen und Schülern vom Beginn des ersten bis zum Ende des vierten Schuljahres begleitet. Die Datenerhebung soll an fünf Messzeitpunkten (am Beginn des ersten sowie jeweils am Ende eines jeden Schuljahres) stattfinden. Ein weiteres Untersuchungsziel ist Art und Umfang der Beeinflussung der Lesekompetenzentwicklung durch entsprechende Vorläuferfertigkeiten aus dem Bereich des Hörverstehens. Abschließend ist eine Normierungsuntersuchung anhand einer repräsentativen Referenzstichprobe vorgesehen, um die Lese- und Hörverstehenstests über das Projekt hinaus für bildungspraktische Zwecke im Bereich der Diagnostik und Förderung nutzbar machen zu können.

In der ersten bereits abgeschlossenen Förderphase des Projekts wurden sechs parallelisierte Tests des Lese- und Hörverstehens, PRODI-L und PRODI-H, entwickelt, die die kognitiven Teilprozesse auf Wort- (phonologischen Vergleichsaufgabe, lexikalische Entscheidungsaufgabe, semantische Klassifikationsaufgabe), Satz- (Grammatikalitätsurteile, semantische Verifikationsaufgabe) und Textebene (Textverifikationsaufgabe) differenziert erfassen. In einer Querschnittsuntersuchung mit 704 Schülerinnen und Schülern der ersten bis vierten Klasse wurden die Hör- und Leseverstehenstests erprobt und optimiert sowie Belege für die Konstrukt- und Kriteriumsvalidität erbracht. Zudem konnte die Abhängigkeit der Leseleistungen von korrespondierenden Vorläuferfertigkeiten des Hörverstehens gezeigt werden. Für die rund 1200 Schülerinnen und Schüler beider Kohorten der Längsschnittuntersuchung liegen bereits Daten der ersten Messzeitpunkte vor. PRODI-L und PRODI-H sollen als förderdiagnostische Verfahren zur Erfassung interindividueller Leistungsunterschiede in kognitiven Teilprozessen des Lese- und Hörverstehens für Grundschülerinnen und -schüler normiert und die erhobenen Daten kontinuierlich ausgewertet werden. Weiterhin werden die Projektergebnisse in Form wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Vorträge publiziert und auf diese Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit als auch Vertretern des Bildungswesens zugänglich gemacht.